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Sonntag im
Salon
 

Moderne Debattierzirkel entdecken das gemeinsame Philosophieren
 

HELENE CONRADY
HANDELSBLATT, 23. 11. 2001

Strahlend betritt die Frau das Café, in der Hand Zweige mit herbstlich gefärbten Gingko-Blättern. „Willkommen, Suleika“, scherzt ihr Begleiter, schiebt die Halbbrille nach unten und beginnt zu rezitieren: „Dieses Baums Blatt, der von Osten / Meinem Garten anvertraut“, ergänzt sie den Satz aus Goethes West-östlichem Divan. Sie setzt sich und wirft einen prüfenden Blick in die Runde. „Ganz schön voll hier. Wollen die alle philosophieren?“ „Gewiss.“ Ihr Begleiter nippt am Kaffee, zündet sich eine Zigarette an. „Die meisten kenne ich, die kommen regelmäßig.“

Ein Sonntagnachmittag im Düsseldorfer Malkasten, ein traditioneller Treffpunkt von Dichtern, Denkern und Malern (Goethe war seinerzeit auch hier), heute eher ein trendy Treffpunkt: Das Café Philosophique hat, wie jeden zweiten und vierten Sonntag im Monat, zum Philosophieren geladen: Mehr als hundert Männer und Frauen sind gekommen, neugierig und erwartungsvoll die einen, fast schon routiniert die anderen. Es ist ein buntes Völkchen, das sich offensichtlich von der Liebe zur Weisheit angezogen fühlt, man sieht Designer-Marken ebenso wie abgewetzte Jeans, Trachtenjanker und Handgestricktes; Pfeifen-, Ketten- und Nichtraucher sitzen einträchtig nebeneinander.

 Der kurze Wortwechsel Suleikas mit ihrem Begleiter war fast programmatisch, denn das Debattenthema an diesem Herbstnachmittag ist ein brennend aktuelles: das Verhältnis von Orient zu Okzident, von christlich geprägten Industrienationen zu den islamischen Staaten unter der Frage: Welche Werte verteidigt die westliche Zivilisation bei der Bombardierung Afghanistans? „Eine interessante Frage“, kommentiert Emilio González, Vorsitzender des einladenden Vereins und Moderator der Diskussion. Und bittet um Wortmeldungen.

 

„Unser Eigentum“, wagt sich ein erster Teilnehmer in die Wertediskussion und erntet zustimmendes Gelächter der Versammelten. „Das Recht auf Selbstverwirklichung und individuelle Entfaltung“, meint eine Frau, „den Rechtsstaat“, ergänzt eine andere. Ein älterer Herr räuspert sich vernehmlich: „Ich glaube, wir verteidigen das Recht, unser Leben so zu organisieren, wie wir das wollen. Und dieser Anspruch schließt die Toleranz gegenüber anderen Lebensformen ein.“

Seit vier Jahren gibt es das Café Philosophique in Düsseldorf, und es ist zu einer Institution geworden, eine Institution des zivilisierten Umgangs in einer sonst nicht sehr auf Formen bedachten Gesellschaft und damit auch eine Erinnerung an die Salonkultur des 18. und 19. Jahrhunderts.



Eine wichtige Regel beim Gedankenaustausch lautet: „Dumme Gedanken gibt es nicht.“

Die Idee zu dem modernen Salon stammt aus Paris, wo der französische Philosoph Marc Sautet 1993 zum Philosophieren und Debattieren ins „Café des Phares“ lud. Das Düsseldorfer Modell hat in der deutschen Provinz Schule gemacht. In Essen, Bochum, Dortmund und Koblenz sind schon Ableger entstanden, in Köln, Wuppertal und Duisburg laufen die Planungen.

„Es gibt ein paar Regeln, an die sich alle halten müssen, damit das Café erfolgreich wird“, beschreibt González das Konzept, „zum Beispiel die Erkenntnis: Dumme Gedanken gibt es nicht.“

Dies ist, so scheint’s, die wichtigste Voraussetzung für eine wahre Gesprächskultur. Im Düsseldorfer Malkasten gab es an jenem Nachmittag keinerlei Verbalattacken, weder Selbstdarstellung noch Feindseligkeit unter den Diskutierenden, was unter Profis auf wissenschaftlichen Kongressen durchaus üblich ist. Stattdessen: aufmerksames Zuhören, gelegentlich Applaus, freundliches Bezugnehmen auf Vorredner und angenehm kurze Redebeiträge.
 

 


Nachdenken und -fragen im Café wie einst das berühmte Paar Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir in Paris, das kommt auch in deutschen Städten wieder in Mode.
 

„Dennoch bleibt oft eine Schieflage“, weiß González, „viele kommen mit der Erwartung, klare, handfeste Antworten zu finden. Aber hier geht es nicht um den Konsens, sondern um das Gespräch, den Austausch. Wir wollen neue Denkhorizonte eröffnen.“ Diese Bereitschaft ist an diesem Herbstsonntag besonders gefragt, denn Moderator González bittet nach der ersten Runde darum, sich in die Position der Menschen zu versetzen, die in einer islamisch geprägten Gesellschaft leben.

„Manchen mag es hier vorkommen wie Sodom und Gomorrha“, sagt eine schöne junge Frau, die dich als Osteuropäerin zu erkennen gibt, „hier hat die Familie keine Bedeutung, es gibt keine erkennbaren Strukturen, keinen Halt.“ Andere machen auf die Globalisierung aufmerksam, etwa auf die Armut in der „so genannten Dritten Welt“. Wieder andere reden von den Verlusten, die diese Kulturen dadurch erleiden, und von der Arroganz des Westens. „Wir brauchen einen Austausch, einen Dialog“, wirft einer in die Debatte ein. „Aber wie könnte er aussehen?“, fragt González.

„Ich habe eine Idee“, meldet sich die schöne Osteuropäerin zu Wort. „Wenn jeder eine Zeit lang in seinem Leben in einem anderen Land leben würde, und wenn er dann noch jemanden lieben würde, den er eigentlich nicht versteht, dann wäre das ein echter Austausch!“ Das Publikum gerät in Bewegung, sammelt Vorschläge, testet Ideen, fast schimmert so etwas wie Leidenschaft durch. González nickt, kommentiert, verweist auf frühere Debatten. Schließlich bittet er um ein Schlusswort. Unterdessen hat ein junger Mann den Raum betreten, bleibt an der Tür stehen. Sein Blick wandert über die Gesichter, suchend, bis er bei der jungen Osteuropäerin hängen bleibt. Er lächelt, sie strahlt. „Rührend“, sagt Suleika zu ihrem Begleiter, „trinken wir noch ein Glas Wein?“
 


Mettmann

Im Café Philosophique munter nachdenken

Emilio González Roncero (Mitte) eröffnete in der Mettmanner Volkshochschule ein „Café Philosophique“.

VON ULLA PANTEL 2008

Mettmann (RP) Es ist Sonntag Morgen, 11 Uhr. In der VHS Mettmann steht der Kaffee schon bereit. In Raum 4 im ersten Stock haben sich neun philosophierfreudige Menschen versammelt und sind schon gespannt darauf, wo sie die heutige Diskussion wohl hinführen wird. Wieso heißt diese Veranstaltung eigentlich Café Philosophique und nicht philosophisches Café? Ganz einfach. Die Idee des offenen Philosophierens für alle, die Spaß daran haben, stammt aus Paris.

Dort versammelten sich traditionell im Café de Phares Sonntags morgens einige Philosophen, um miteinander zu diskutieren. Mit der Zeit wurden auch die anderen Kaffeehausgäste einbezogen. Das Beispiel machte Schule. 1997 startete der Pariser Philosoph Marc Sautet das Düsseldorfer Café Philosophique. Das „öffentliche Philosophieren“ findet seither großen Zuspruch. Die Lust am eigenen Denken erfährt hier zahlreiche neue Impulse, aufgeworfene Fragen werden philosophisch von verschiedenen Seiten betrachtet und das Gehirn freut sich spürbar über den Denksport.

Keine Lehrveranstaltung

Seit dem letzten Jahr bietet der Vorsitzende des Düsseldorfer Cafés, der Philosoph Emilio González Roncero, die Veranstaltung auch über die VHS in Mettmann an. „Das ist keine Lehrveranstaltung, in der die Theorien bekannter Philosophen besprochen werden. Jeder kann einbringen, was ihn im Alltag beschäftigt“, so Gonzales. Der Philosoph mit Studienabschluss an der Düsseldorfer Heinrich-Heine Uni sieht es als persönliche Herausforderung, sich von der akademischen Tradition zu lösen und sich spontanen, aktuelle Zeitfragen zu stellen.

Es geht um den Kern der Dinge

Dabei geht es stets um den Kern, das Grundsätzliche der Dinge. „Im Grunde gibt es drei große Themenfelder. Die Sinnfragen, äußere Ereignisse oder Fragen des menschlichen und zwischenmenschlichen Umgangs.“ Die Themenvorschläge der Gäste lauten für den heutigen Tag „Entscheidungen“, „Entfremdung“ und „Mensch und Musik“. Roncero lässt abstimmen, die Wahl fällt auf Entscheidungen. „Der Begriff legt nahe, dass es sich um einen Scheideweg handelt. Es muss etwas bewertet werden. Wie gehen wir dabei vor?“

Der Begriff wird gedreht und gewendet. Wie kommen wir eigentlich zu unseren Entscheidungen? Haben wir überhaupt einen freien Willen, um uns entscheiden zu können? Wollen wir uns entscheiden oder sind wir im Grunde froh, wenn wir keine Wahl haben? Munter sprudeln die Wortbeiträge. Souverän fasst Emilio Roncero zusammen, flicht ein wenig Schopenhauer oder neue Theorien aus der Wissenschaft ein, lenkt die Diskussion hierhin und dorthin. Am Ende steht natürlich keine fertige Lösung, aber irgendwie fühlt man sich bereichert. In einem Monat darf weiter diskutiert werden

 

 

NGZ 31. Oktober 2002
 

Roncero vertritt Idee des "lebendigen Philosophierens"
 

Wunschdenken durch Wahrheitsliebe ersetzen

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"Die Immigration nach Deutschland war die erste einschneidende Situation in meinem Leben", erklärt Emilio Gonzalez Roncero. Exakte persönliche Erinnerungen daran bestehen allerdings nicht. Roncero war schließlich erst drei Jahre alt, als seine Eltern 1962 beschlossen, sich in einer Spinnerei in Remscheid Arbeit zu suchen. Viele Menschen aus dem spanischen Salamanca, der Geburtsstadt von Emilio Gonzalez Roncero, waren in der Spinnerei beschäftigt.
 
 
Ein Freund Schopenhauers und des lebendigen Philosophierens: Emilio Gonzalez Roncero, der Sonntag wieder im Café Philosophique moderiert. 

 
Doch für die Neuankömmlinge gab es in Remscheid keine Erwerbsmöglichkeit. Wieder auf dem Bahnhof angekommen, stellte sich heraus, dass der nächste Zug nach Düsseldorf fuhr. Also stieg die Familie ein. So fand die Reise in das hoch gepriesene Wohlstandsland in der Stadt am Rhein ihr Ende. Mit viel Courage fand der Vater trotz mangelnder Sprachkenntnisse schnell Arbeit. Die Eltern blieben 20 Jahre, zogen dann nach Spanien zurück. Für den Sohn Emilio aber wurde Deutschland zur Heimat. 

Nach dem Abschluss der Mittleren Reife im Juni 1975 absolvierte er eine Fremdsprachenausbildung, der im Februar 1979 eine Ausbildung zum Speditionskaufmann folgte. Trotz eines Vollzeitjobs bei der Deutschen Lufthansa entschloss sich Emilio Gonzalez Roncero, im Selbststudium das Abitur nachzuholen. "Das waren drei sehr, sehr harte Jahre", erinnert er sich heute. Im März 1987 gelang der erfolgreiche Abschluss. Jetzt war der Weg frei für das Magisterstudium der Philosophie, Politikwissenschaft und neueren Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. 
 

In seiner Abschlussarbeit beschäftigte er sich mit Arthur Schopenhauer, seinem "philosophischen Ziehvater". Von Schopenhauer hatte Emilio Gonzalez Roncero gelernt, dass das Ersetzen von Wunschdenken durch Wahrheitsliebe eine Grundvoraussetzung des Philosophierens ist. In der griechischen Sprache bedeutet der Begriff Philosophie "Liebe zur Weisheit". Diese Vorliebe für existentielle Grundfragen, das Forschen nach dem Sinn des Lebens, prägten schon in der Kindheit das Denken und Handeln von Emilio Gonzalez Roncero. 

Im Alter von 18 Jahren trat er als "sehr gläubiger Mensch und engagierter Christ auf. Über diesen zwei Jahre andauernden "Umweg" wandte er sich schließlich der Philosophie zu. "Heute begreife ich das Leben als erste und letzte Chance", betont Emilio Gonzalez Roncero. Dieser Erkenntnis entsprechend führt er ein erlebens- und lernintensives Leben. Im privaten Bereich - Gonzalez wohnt mit seiner Frau in Meerbusch - bedeutet dies die stetige Erweiterung des Wissens, gepaart mit Lebensfreude. Letztere äußert sich unter anderem in der Begeisterung für den argentinischen Tango. Gemeinsam mit seiner Frau übt er dieses Hobby aktiv aus. "Ich habe mir bis heute den Luxus bewahrt, Herr zu sein über meine Zeit", fasst der Philosoph seinen Lebensmodus zusammen. 

Das Bedürfnis der Menschen nach Orientierung steigt. Dieser Entwicklung entspricht Emilio Gonzalez Roncero mit entsprechenden Veranstaltungen im Rahmen der Erwachsenenbildung. "Dabei steht immer das lebendige Philosophieren im Vordergrund", betont er. Praktiziert wird dieser Grundsatz bei Vorträgen, Einzelgesprächen, philosophischen Abend-, Tages- und Wochenendveranstaltungen, allgemeinen Moderationen und Gesprächskreisen. 

Viel Zulauf verzeichnet das "Cafe Philosophique" in Kaarst, das unter anderem von der Volkshochschule Kaarst angeboten wird. Jeweils am ersten Sonntag um 16 Uhr im Monat treffen sich interessierte Menschen jeden Alters, die ein "geistiges Zuhause" suchen, im Restaurant "Historia" an der Broicherdorfstraße. Sonntag ist es wieder so weit. 

Monika Götz 

 


Emilio González Roncero gibt im Café Philosophique den Menschen zu denken

"Bei den Menschen besteht ein Bedürfnis, sich zu unterhalten, zu verschiedenen Themen Stellung zu beziehen und nicht einfach nur Wissen zu konsumieren". Emilio González Roncero spricht aus Erfahrung: Seit einem Jahr leitet der Magister der Philosophie das "Café Philosophique", das einmal monatlich im Museumsrestaurant Historia stattfindet.
 
 
 
Rund 35 Interessierte finden sich an jedem ersten Sonntag im Monat - so auch morgen - von 16 bis 18 Uhr an der Broicherdorfstr. 63 ein, um über Themen wie "Das Glück", "Die Zeit" oder auch mal Thesen wie "Der Verzicht nimmt nichts, sondern gibt" zu diskutieren. "Die Themen werden stets von den Besuchern vorgeschlagen und wir einigen uns auf eins", erläutert der spanischstämmige González Roncero, der bereits seit Jahren im Düsseldorf "Malkasten" das "Café Philosophique" leitet und auch einem Verein gleichen Namens vorsitzt. "Es geht bei den Gesprächen nicht darum, zu einer definitiven Antwort zu kommen, sondern viele unterschiedliche Aspekte zu einem Thema aufzuzeigen". Wenn auch der Anlass manchmal ganz konkreter Natur sein könne, gehe es in der Diskussion doch immer um Grundsätzliches. 

So sei zum Café Philosophique auch jede(r) ohne jegliche Vorkenntnisse willkommen. "Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass unsere Gespräche auch für professionelle Philosophen befruchtend sein können, weil sie vieles lebendig machen, was philosophisch archiviert wurde", erläutert der Moderator, der seine Rolle darin sieht, "eine vertrauensvolle Situation zu schaffen, den roten Faden zu verfolgen und jede Stellungnahme ernst zu nehmen". Daher sei auch das Ambiente wie hier in Kaarst im Historia sehr wichtig.

"Die Leute müssen gleichberechtigt nebeneinandersitzen, damit es wirklich zu Gesprächen kommt", so der 41-jährige, der Magister der Philosophie, Neueren Geschichte und Politikwissenschaft ist. Die Idee des "Café Philosophique", das mittlerweile in zahlreichen Städten Deutschlands zur festen Einrichtung geworden ist, stammt aus Paris.

González Roncero: "Es geht auf die Agora zurück, dem Platz, an dem öffentlich debattiert wurde". So wolle er auch in seinem Café Philosophique, bei dem die VHS Veranstalter ist, "Perspektiven eröffnen und Denkhorizonte erweiteren, Fragen stellen und Antworten finden, die unsere Existenz erhellen". Dabei sei es wichtig, dass man sich auf einem allgemeinverständlichen Sprachniveau bewege. "Fachtermini müssen erläutert werden", so der Moderator, der das Café PHilosophique als eine wichtige Möglichkeit betrachtet, "der allgemeinen Sprachlosigkeit entgegen zu wirken". Denn Wissen werde seiner Meinung nach heute allzu häufig nur konsumiert. " Man kommt gar nicht mehr dazu, Stellung zu beziehen.
 Die Philosophie stellt die Frage nach der Bedeutung eines Phänomens. Erfahrung und Wissen werden rückbezogen auf die einzelne Situation des Menschen.

Man lernt andere Perspektiven und Aspekte eines Themas kennen und stellt dabei sein eigenes Denken auf den Prüfstein", hebt González Roncero, der seit zwei Jahren in Kaarst lebt ("Der Liebe wegen"), die Stärken des Café Philosophique hervor. Und diese Stärken scheinen sich bei den Besuchern immer größerer Beliebtheit zu erfreuen. Der Moderator: "Viele diskutieren nach den zwei Stunden in kleinen Gruppen noch weiter, geben sich Anstöße, das Thema aus zu bauen oder darüber zu lesen". Das wiederum ist dem Philosophen Anstoß, "die wichtigsten Themen und Kommentare bald in einem Buch zusammen zu fassen". Das Denken schule die Philosophie auf jeden Fall, helfe den Menschen, ihre Gedanken auszubilden und zu hinterfragen. Doch wenn jemand ein ungutes Gefühl bei der Diskussion habe, könne er es immer noch mit Arthur Schopenhauer halten: "Die Philosophie hat mir nichts eingebracht, aber sehr viel erspart".

Cornelia Dorenbeck



 

WAZ 13. März 2000


Hatten viel Spaß bei der Diskussion um "Geschwätz und Philosophie" (v.l.): Johannes Krieger, Mitinitiator des
Café Philosophique in Steele, VHS-Studienleiter Dieter Hahnheiser und Gast-Moderator Emilio González. (WAZ-Bild: Frank Vinken)

Über die Wahrheit lachen

Im Café Philosophique der VHS wurde viel "geschwätzt"
 
 
Was hat der alltägliche Plausch mit den Gedanken Sokrates' und Platons zu tun? fragten sich gestern rund 40 Teilnehmer des Café Philosophique in der VHS in Steele. Zwei Stunden redeten sie sich dei Köpfe heiß über "Geschwätz und Philosophie".

Als ein älterer Herr dieses Thema vorschlug, zauderte Gast-Moderator Emilio González aus Düsseldorf keinen Moment: " So ein Thema habe ich noch nie behandelt. Wird sicher spannend." Er sollte recht behalten.
Ausgehend von Sokrates' berühmten Satz "Ich weiß, dass ich nichts weiß", stand zunächst das Wesen des Geschwätzes im Mittelpunkt der Diskussion.

"Ganz typisch für viele Schwätzer ist, dass sie vorgeben, viel zu wissen, Gott und die Welt zu kennen und die Weisheit mit dem Löffel gefressen zu haben", erregte sich eine Dame mittleren Alters. Ihr Tischnachbar pflichtete ihr bei: "Wer schwätzt, der redet, ohne zu wissen, was er eigentlich sagen will. Er unterziehe seiner Rde keiner kritischen Prüfung." Und doch - was wäre das Leben ganz ohne Klatsch und Tratsch? Langweilig, so hieß es einstimmig, und eine Teilnehmerin brach gar eine Lanze für den alltäglichen Plausch im Supermarkt. "Solch erfrischende Unterhaltung kann auch Anstoß dazu geben, sich mit sich selbst auseinander zu setzen, sie kann zu erkenntnisphilosophischen Betrachtungen führen."

 

Mit dieser Meinung löste sie allerdings bei einem Herrn zwei Tische weiter einen Sturm der Empörung aus: "Ich wehre mich gegen die Aufweichung des Begriffes Geschwätz. Das ist doch ganz und gar negativ zu sehen." Allgemeine Zustimmung dagegen, als Moderator González zusammenfasste: Im Gegensatz zur Plauderei befasse sich die Philosophie mit Dingen, die im ursprünglichen Sinn des Wortes fragwürdig seien. Und das muss nicht immer zu stirnrunzelnden Grübeleien führen, wie schon Umberto Eco erkannte: "Über jede Wahrheit lachen zu können, das ist erstrebenswert."
                                                                 K.M.


Rhein-Zeitung 8.8.2000


 

Nicht die "Endstation Glück" gesucht

Erstes Koblenzer Café Philosophique im Konradhaus - Lebhaftes Gespräch eröffnete neue Horizonte des Denkens - Ohne Scheu argumentiert
 
 
 
Um es philosophisch auszudrücken: Der Weg war das Ziel beim ersten Koblenzer "Café Philosophique" im Konradhaus.

Von Annette G. Herrmann
 
EHRENBREITSTEIN. Keine Patentrezepte, keine Lösungen, keine endgültigen Antworten und auch keine "Endstation Glück" vor den Augen, nicht auf der Weisheit letzten Schluss hoffend, trotzdem aber gespannt und schnell auch gebannt, Gedanken spannend, Theorien formulierend und Ideen produzierend, machten sich die Teilnehmer des ersten Koblenzer Café Philosophique im Ehrenbreitsteiner Konradhaus auf eine geistige Spurensuche.

Nicht zur Expertenrunde, auch wenn sich sicherlich genügend Akademiker unter das zumindest altersmäßig buntgemischte Publikum gemischt hatten, nicht zu einem elitären Zirkel, zu einem abgehobenen wissenschaftlichen Diskurs, hatten die Initiatoren der Veranstaltung eingeladen, sondern zu einem Forum für jedermann und zu einer für jedermann zu begreifenden Diskussion auf einer allgemein verständlichen Plattform. Dass eine solche objektiv gar nicht zu umreißen ist und dass eine allgemein verständliche Sprache eng verwoben ist mit dem sprachlichen Niveau der zusammengekommenen Allgemeinheit wurde indes schnell deutlich. So dürfte das Gros der Teilnehmer, die am Sonntagnachmittag

über das Wesen des Glücks philosophierten, zumindest philosophisch ambitioniert, wahrscheinlich aber auch in philosophischen Dingen geübt gewesen sein, um sich derart wortgewandt in einer zum Teil doch eher abstrakten Geisteswelt zu bewegen.

Aber auch diejenigen, die die Muse bis dato noch nicht geküsst hatte, verloren schnell die Scheu, ihr Scherflein dazu beizutragen, dem Glücksbegriff mit ihren Beiträgen Form und Inhalt zu verleihen, nicht zuletzt mit Hilfe von Emilio González Roncero, dem Vorsitzenden des Vereins Café Philosophique und Leiter des Düsseldorfer Cafés, den die Koblenzer Philosophen für ihre "Auftaktveranstaltung" glücklicherweise hatten gewinnen können, und der durch rhetorische Perfektion und einfühlende Gesprächsführung gleichermaßen glänzte. 

Mit dem nötigen Fingerspitzengefühl gelang es González Roncero erstaunlich schnell, ein lebhaftes Gespräch in Gang zu setzen, das dem Ziel des nachmittages - neue Denkhorizonte zu eröffnen und den Zweifel am Prinzip zuzulassen - sicherlich gerecht geworden ist.

Das Café Philosophique findet künftig an jedem ersten Sonntag im Monat con 16 bis 18 Uhr im Ehrenbreitsteiner Konradhaus statt..



NGZ 09. April 2002
 
"Philosophisches Denken und Argumentieren" 

Eigenen Standort im Kosmos finden

"Philosophisches Denken und Argumentieren" lautete ein Seminar der Volkshochschule, das jetzt rund ein Dutzend Teilnehmerinnen und Teilnehmer besuchten. Es waren lehrreiche und interessante, aber auch ein wenig anstrengende zweieinhalb Stunden. 
Geleitet wurde das Seminar von Emilio Gonzalez Roncero, bekannt vom "Café Philosophique". Der Unterschied zum bewährten und beliebten "Café Philosophique": Es ging nicht darum, ein bestimmtes Thema philosophisch zu erörtern, sondern um die Philosophie selbst. Der Semiarleiter zitierte den Philosphen Otto Neuwirth, der die Philosophie mit einem Schiff verglichen hat, an dem ständig Planken ausgetauscht werden. 
Philosophie - das ist auch die besondere Art der Welterschließung und Selbstvergewisserung. Es geht dabei darum, den eigenen Standort im Kosmos zu finden, immer wieder neu zu bewerten, neu zu deuten, neu zu verstehen unter Hinzuziehung von Fakten aus der Wissenschaft und Erfahrungen, die jeder in seiner Lebenswirklichkeit macht. Apropos Wissenschaft: Sie möchte wissen, wie die Dinge wirklich sind, trifft Feststellungen. Was das für den Einzelnen bedeutet, das leistet die Philosophie. Anders ausgedrückt: Wenn wir anfangen zu deuten und zu werten, werden wir philosophisch. Die Wissenschaft dagegen ist um Wertneutralität bemüht. 
Die Aufgabe der Philosphie wurde wie folgt beschrieben: Sie versucht, konstruktiv zu sein, entwirft Orientierungssysteme oder Sinnentwürfe ohne Sicherheitsgarantie. Feststehende Ergebnisse gibt es hier nicht, vielmehr prüft die Philosophie Weltanschauungen und Ideologien. Metaphern helfen dabei, bestimmte Bedeutungen zu erhellen. Wie kann philosophisches Denken in Bewegung gebracht werden? Eine geeignete Fragestellung ist "In welchem Sinne...?" Also zum Beispiel: "In welchem Sinne ist Freizeit ein Zwang?" Eine weitere Möglichkeit ist der Perspektivenwechsel: Man nimmt die Gegenposition ein und entwickelt entsprechende Argumente. 


 
 
 

Als "Totschlagargument" nannte Gonzalez Roncero Floskeln wie "Das muss ja jeder selber wissen". Einige Denkfallen beziehungsweise "Denksackgassen": Vorurteile, wenn ein Prinzip auf ein anderes trifft, wenn man sich von Wunschdenken leiten lässt. Und: Es kann nicht zwingend von einem Sein auf ein Sollen geschlossen werden ("Das hat es immer schon gegeben, das soll wohl so sein.") Der Kern des philosphischen Denkens ist das Argumentieren. 
Mit einem Argument - so der Seminarleiter - versuche man, zu einer Handlung oder Einstellung zu bewegen oder will zeigen, dass eine Handlung angemessen oder begründet ist. Ein Argumentationsgang besteht aus einer allgemeinen Grundannahme, einem Argument und der daraus resultierenden Behauptung. Philosophieren, so Emilio Gonzelaz Roncero, "ist immer Denken in der Schwebe". 
Er warnte vor Zirkelschlüssen - das ist die Begründung der Behauptung mit eben dieser Behauptung - und vor Quellenargumenten: "Etwas muss wahr sein, weil eine bestimmte Autorität es verkündet hat." Die gewonnenen Erkenntnisse durch Teilnahme am Seminar können schon bald in die Praxis umgesetzt werden: Das nächste "Café Philosophique" im Museumsrestaurant Historia, Broicherdorfstraße, steht am 5. Mai um 16 Uhr auf dem Programm.
barni 


WZ 8. Februar 2000


 

Neue Perspektiven statt alter Positionskämpfe

Das erste "Café Philosophique" war ein voller Erfolg: Etwa 80 Gäste kamen, um Fragen zu stellen und Antworten zu finden.
 
 
Kaarst (mkl). Was ist Zeit? Gibt es überhaupt Zeit? Ist Zeit ein Abschnitt der Ewigkeit? Um Fragen zu stellen und Antworten zu finden, vor allem aber um mitzureden und Denkhorizonte zu erweitern, waren die Gäste am Sonntag ins Museumsrestaurant "Historia" geströmt. Das erste "Café Philosophique" erfreute sich einer großartigen Resonanz und setzte die Köpfe in Bewegung.

Etwa 80 Besucher hatten sich eingefunden, um unter der Moderation von Emilio González Roncero eine gemeinsames philosophisches Gespräch zu führen. "Wir wollen hier keine Positionskämpfe austragen", so der freie Philosoph, "sondern grundsätzliche Fragen stellen und neue Perspektiven eröffnen".

Aus etwa zehn Themen, die aus den Reihen der Besucher vorgeschlagen wurden (zum Beispiel: Was ist Erfahrung? Ist Vertrauen noch zeitgemäß? Oder das Thema "Dualität") wählte González Roncero das Thema "Zeit" aus, das innerhalb kürzester Zeit eine kontroverse Diskussion in Gang setzte. "Das wichtigste beim Cafe Philosophique ist, dass man sich traut, seine Meinung zu sagen, gleichzeitig aber auch die Meinung des anderen respektiert", erklärte González Roncero. Die Diskussion ließ dann auch jedem, der mitreden wollte, genügend Raum, seine Gedanken auszusprechen, ohne unterbrochen oder niedergeschrien zu werden. Und die Gelegenheit mitzureden, nahmen die Gäste ungezwungen und rege wahr.  In der gemütlichen Atmosphäre des Historia kam ein produktiver Gedankenaustausch über subjektive und objektive Zeit, über die Empfindung von Zeit in der Jugend im Gegensatz zum Alter und über den Umgang mit der Zeit zustande. Das "Café Philosophique" im Historia findet jeden ersten Sonntag im Monat statt. Die nächsten Termine stehen: 5. März, 2. April und 7. Mai, jeweils von 16 bis 18 Uhr.


Zeitgespräche: "Warum glaubt der Mensch?"

Die Suche nach dem Sinn von Leben und Tod

Von ANGELA WILMS-ADRIANS
 
 
KORSCHENBROICH. "Warum und woran glaubt der Mensch?" Diese komplexe Fragestellung bestimmte die Diskussion beim "Zeitgespräch" - einer Dialogrunde, die die Evangelische Kirche Korschenbroich in Zusammenarbeit mit der VHS Kaarst-Korschenbroich veranstaltete.

Der Philosoph Emilio González Roncero und Pfarrer Gernot Wehmeier referierten über philosophische und christliche Aspekte der Sinnsuche. Wie sehr den Besuchern das Thema auf den Nägeln brannte, zeigte ihr Verzicht auf die von Moderator Dr. Michael Bau vor der Diskussion angebotene Pause.

Für ihn hatte sich die Idee zum Thema nach der Lektüre von Klaus-Peter Jörns Buch "Die neuen Gesichter Gottes" ergeben. Die Publikation löste in ihm Fragen nach Veränderungen von Glauben und Kirche aus - insbesondere den Gedanken: "Ist Glauben noch zeitgemäß? Oder Bedingung des Menschseins?"

Der Philosoph Roncero näherte sich dem Phänomen des Glaubens aus allgemeinphilosophischer Sicht. Er stellte dem Glauben die "eigene Einsicht" gegenüber - ein vermeintliches Wissen, das keine Alternative lasse. Die

Bereitschaft zum Glauben bezeichnete er als eine nicht an Bedingungen geknüpfte Willensentscheidung.

Ihm zufolge wird die Kluft zwischen dem Gläubigen und der religiösen Botschaft durch das Vertrauen überwunden. Pfarrer Wehmeier erinnerte dann an eine "Spiegel"-Umfrage zu dogmatischen Lehrsätzen der Kirche. Die war betitelt: "Abschied von Gott". Tatsächlich hat der Korschenbroicher Geistliche in Gesprächen mit Gläubigen Konflikte zwischen den dogmatischen Normen der Theologie und dem Bedürfnis der Menschen nach Gott festgestellt. So zerbröckelt für viele das Dogma vom Tod als Strafe für die Erbsünde, wie der Pfarrer erfahren hat.

Der Glaube an die Allverantwortung Gottes sei dem Gedanken einer Mitverantwortung des Menschen gewichen. Die Menschen suchten einen Gott, der Geborgenheit gebe und sinnstiftend sei - bis hin zum Sterben. So bekannte Pfarrer Wehmeier für sich: "Der Sinn muß so stark sein, daß er mich durch den Tod hindurchträgt."



NGZ 8. Februar 2000


 

Großes Interesse am ersten "Café Philosophique" im Museumsrestaurant Historia

Französische Nachbarn pflegen einen ganz anderen Umgang mit der Zeit
 
 
Kaarst. Wie kann man an einem trüben Sonntagnachmittag seinen Denkhorizont erweitern? In Paris treffen sich längst Menschen regelmäßig in einem Bistro zum gemeinsamen philosophischen Gespräch. Diese Idee setzte sich auch in deutschen Großstädten durch. Auf Initiative von Dr. Michael Bau  von der Volkshochschule Kaarst-Korschebroich fand jetzt das erste "Café Philosophique" auf Kaarster Boden statt: Im Museumsrestaurant Historia trafen sich rund 50 Teilnehmer zum intensiven Gedankenaustausch unter der Leitung von Emilio González Roncero.

Macht Philosophieren süchtig? Für Emilio González Roncero, der diese Art des Gedankenaustauschs bereits in Düsseldorf moderiert, waren einige der Besucher alte Bekannte. Das Spannende an der Sache: Vorab weiß niemand, worüber gesprochen wird. Der Diskussionsleiter wählt einen der Vorschläge aus , die die Anwesenden gemacht haben. González Roncero machte kurz mit den Spielregeln vertraut: Niemand muss, jeder darf reden. Und: "Es gibt keine dummen Fragen, sondern nur Moderatoren, die kluge Fragen nicht zu würdigen wissen." So groß die Hemmschwelle zur 

Philosophie gemeinhin auch sein mag, im Historia herrschte kein Mangel an Wortbeiträgen. Es ging um die "Zeit als gelebtes Problem - Jugend versus Alter". Tatsächlich wurde zwei Stunden lang über die Zeit philosophiert. Jeder konnte seine Aspekte einbringen.

Wie wenig der Begriff "Zeit" definiert werden kann, hatte schon Aurelius Augustinus deutlich gemacht:"Wenn mich niemand fragt, was Zeit ist, weiß ich's - sobald mich aber jemand fragt, weiß ich's nicht." Wie kommt es, dass die Zeit mit zunehmendem Alter schneller zu vergehen scheint? Verrät nicht die Formulierung "Ich habe Zeit", dass wir sie besitzen wollen? Wirkt sie auf uns ein? "Es ist leider nicht strafbar, wenn uns jemand unsere Zeit stiehlt", gab ein Besucher zu bedenken. "Die Zeit gehört uns ja gar nicht", entgegnete ein andere. Für lebhafte Dialoge war gesorgt. Sind wir Gefangener oder Sozius der Zeit? Sie macht uns die Endlichkeit bewusst. "Jetzt werden wir sehr philosophisch, das gefällt mir", zeigte sich der aus Spanien stammende und jetzt in Kaarst lebende Moderator zufrieden. Es wurden Begriffe wie "Gegenwart" und "Hoffnung" diskutiert.

"Wir gehen mit der Zeit, können sie nicht beherrschen", wurde da geäußert. Der Gesichtspunkt des Lebens nach dem Tode gerate immer mehr aus dem Blickfeld - Ein alter Mensch gelte nicht mehr als weise, sondern als jemand, der nicht mit dem Computer umgehen kann. Ein Teilnehmer gab zu bedenken, dass die Diskussion aus der Sicht unseres Kulturkreises geführt werde - schon unsere französischen Nachbarn pflegten einen ganz anderen Umgang mit der Zeit. Emilio González Roncero warf ein, "der Weise pflege einen ganz anderen Umgang mit der Zeit als der Clevere". Für ihn war die Premiere sehr bereichernd - Die Mehrzahl der Besucher wird ihm da gerne zustimmen. Es könne nicht darum gehen, zu Konklusionen zu kommen, sondern darum, den eigenen Horizont zu erweitern, Aspekte aufzugreifen und zu durchdenken. Am 5. März um 16 Uhr wird das Historia wieder zum "Café Philosophique".                                               barni

 



 

Emilio González Roncero moderierte das "Café Philosophique" im Historia

Diskussion über die Bedeutung der Religion für den modernen Menschen
 
 
Kaarst. Die Sommerpause ist vorbei, endlich kann wieder mit gleichgesinnten philosophiert werden: Jetzt ging es beim "Café Philosophique", einer Veranstaltung der städtischen Volkshochschule Kaarst-Korschenbroich im Museumsrestaurant Historia um die Bedeutung der Religion für den modernen Menschen. Unter der Leitung von Emilio González Roncero machten sich rund zwei Dutzend kluge und überwiegend weibliche Köpfe zwei Stunden lang so ihre Gedanken.

Religion wurde als etwas "Unfassbares" beschrieben, "etwas, was uns fasziniert, zugleich aber auch erschreckt, weil es nicht in unserer Verfügungsgewalt steht". Jawohl, Gott kann auch ein Angstmacher sein. Zu den unzähligen Fragen, die andiskutiert wurden, um sich der Thematik zu nähern, gehörte diese: Macht die Wissenschaft die Religiosität obsolet? Oder: Haben wir den Glauben nicht längst durch Wissenschaft ersetzt?  Hebt das eine das andere auf? Allerdings: Wissenschaft hat Grenzen - und sie kann keine Werte setzen. Und schließlich sind auch große Wissenschaftler oft religiös. "Die Wissenschaft fängt mich nicht auf", gab ein Diskussionsteilnehmer zu verstehen.

Kirche, darin stimmten viele überein, dürfe keine Macht ausüben. Die Abwendung von der Kirche habe häufig mit dem Zweifel an tradierten Autoritäten zu tun. Die älteren Teilnehmer konnten sich sehr gut erinnern:"Wir durften früher noch nicht einmal fragen." Basta. Religion werde heute als ein Angebot gesehen auf dem Jahrmarkt der Beliebigkeiten. Auf der anderen Seite beanspruche sie Verbindlichkeit, fordere Gehorsam - gegen ihren fundamentalistischen Anspruch opponiere der Mensch zunehmend. Ist Religion also ein hoffnungsloses Auslaufmodell? Nein, stellte eine Teilnehmerin in der Diskussionsrunde entschieden fest: "Wenn man seine Jugend verliert, kommt die Religion wieder verstärkt ins Blickfeld." Da wurden Erfahrungen ausgetauscht, negative wie positive. Eine Frau gestand: "Die Religion macht mich frei. Gott nimmt mich an, ich kann mich frei entwickeln." Was auf allgemeine Zustimmung stieß: In Krisen-Situationen braucht jeder Mensch seine Religion.

Ist der "Romantische Ästhetizismus" nicht vielleicht eine Alternative? Er kann immerhin so stark erhöht werden, dass er zu so etwas wie einer Religion wird. "Die natur ist gar nicht so schmudig", gab ein Diskussionsteilnehmer zu bedenken, dort gehe es

ganz schön brutal zu. Und: Ebenso wie die Wissenschaft fange auch die Natur den menschen nicht so liebevoll auf, wie Gott es tut. Eine andere Frage, der man sich versuchte anzunähern: Ist Religion Voraussetzung oder Produkt einer Kultur? Emilio González Roncero sprach von einer Statistik , wonach zwar ein Abrücken von der Vorstellung eines persönlichen Gottes zu beobachten sei, gleichzeitig nehme aber die Religiosität zu. Und er schloss das Café Philosophique mit einem Zitat von Sokrates: "Wir haben die Wahrheit gesucht. Wir haben sie nicht gefunden. Und morgen reden wir weiter." Das Café Philosophique ist nicht schon morgen, sondern erst wieder am 1. Oktober um 16 Uhr geöffnet.      barni


Flair Stadt-Magazin
 
Café Philosophique im Museumsrestaurant Historia 

Für Philosophen gibt es keinen schöneren Platz als das alte Griechenland. In Kaarst fühlen sie sich allerdings fast genauso wohl.

Im Museumsrestaurant Historia wird die Atmosphäre der Antike lebendig. Mit viel Liebe zum Detail hat Hildegard Burri-Bayer die Räumlichkeiten dekoriert. In zahlreichen Vitrinen zeigt sie alte Sammler- und Ausstellungsstücke aus Rom und Griechenland, wie Flair Neuss bereits berichtete.

Einmal im Monat bedienen die Kellnerinnen und Kellner in den Originalkostümen ganz besondere Gäste: die Teilnehmer des Café Philosophique. Sie nutzten auch am 2. April die schöne Umgebung, um ihre Gedanken auszutauschen. "Wir wollen ein Forum für Diskussionen bieten", erklärt Moderator Emilio Gonzáles Roncero. "So wie Sokrates auf der Agora, dem Marktplatz, zu den Bürgern gesprochen hat, wollen auch wir hier nicht nur Theorie, sondern vor allem Fragen des täglichen Lebens besprechen.

" Die Idee des Café Philosophique kommt aus Frankreich. Dort entwickelte sich Anfang der 90er Jahre das Konzept der Philosophie für Jedermann.
"Das Reizvolle ist, dass niemand vorher das Thema kennt, über das gesprochen wird," sagt der Moderator. Emilio Gonzáles Roncero ist studierter Philosoph. Er ist Vorsitzender des Vereins Café Philosophique, der im November 1999 in Düsseldorf gegründet wurde. Nach Kaarst kam der Verein durch die Volkshochschule Kaarst-Korschenbroich, wo Emilio Gonzáles Roncero Philosophie-Seminare gibt. Genau wie beim Café ist das Publikum dort sehr gemischt.

Beim dritten Treffen der Hobby-Philosophen im April war die Beteiligung groß. Jeder Tisch des Museumsrestaurants war besetzt.

 
 
 
 
 
 
 

Emilio Gonzáles Ronceros Aufgabe ist es, zunächst aus den Themenvorschlägen der Gäste auszuwählen. Nach "Zeit’" und "Glück" wurde diesmal "Wahrheit" zum Diskussionsgegenstand. Nicht nur jüngste Ereignisse in der Politik spielten hier eine Rolle. Gerade hatte der Papst zugegeben: "Viel Unrecht ist geschehen im Namen der Wahrheit." Von den Teilnehmer wurden Fragen nach der absoluten Wahrheit, wissenschaftlichen Wahrheiten und der Wahrheit in der Theologie aufgeworfen. Emilio Gonzáles Roncero versuchte lediglich, die Diskussion durch gezielte Einwürfe und Fragen ein wenig zu lenken.

Zwei Stunden wird so geredet, gefragt, gerätselt. "Nicht das Ergebnis ist dabei wichtig," betont der Berufs-Philosoph, "der Gedankenaustausch ist es, auf den es uns ankommt." Dieser Austausch wird besser, je mehr Meinungen vertreten sind. Deshalb sind neue Freizeit-Philosophen jederzeit willkommen. Vor der Sommerpause findet das Café Philosophique noch einmal am 7. Mai 2000 statt. 

Christina Bramsmann | FN Ausgabe 7 | Mai 2000 | 



NGZ

Café Philosophique: Im Museumsrestaurant Historiadiskutierten die Teilnehmer über Freiheit
Nächstes Treffen am 3. September

Auch Verantwortungs-Bewusstsein muss erst erlernt werden
 
 
Kaarst. Ins Museumsrestaurant Historia kamen jetzt 20 Interessierte, um unter der Moderation von Emilio González Roncero zu philosophieren. Dass die Resonanz des "Café Philosophique", einer Veranstaltung der Volkshochschule Kaarst-Korschenbroich, diesmal nicht ganz so groß war, beunruhigte den Moderator nicht im geringsten. Sein Credo: "Erst leben, dann philosophieren." Als Thema wählte er aus den Vorschlägen der Teilnehmer einen "Klassiker": Freiheit und Verantwortung.

Die Beteiligung war wie immer rege, die Gehirnzellen der Hobby-Philosophen funktionierten trotz schwülwarmer Witterung hervorragend. Bald stand fest, dass Freiheit und Verantwortung zusammen hängen. Um Verantwortung ausüben zu können, seien Handlungsalternativen notwendig. Niemand ist für seine Geburt verantwortlich. Ohne auf den Begriff der Erbsünde näher einzugehen, beschrieb ein Teilnehmer die Motivation zu verantwortungsbewusstem Handeln so: "Es ist sozusagen die Gegenleistung für das Leben, das uns geschenkt wurde." Und: Sobald man Kontakt zu anderen Lebewesen habe, sei Verantwortung gefragt.

Eine Teilnehmerin gab zu verstehen, dass jeder auch sich selbst gegenüber Verantwortung übernehmen müsse. Kann man Verantwortung lernen? Sie wurde als etwas Prozesshaftes, Wachsendes dargestellt. Menschen werden ohne Verantwortungs-Bewusstsein geboren - sie erkennen nach und nach, wie sie im Zusammenleben mit anderen verantwortlich umgehen können. Aber nicht nur der Einzelne, ganze Gesellschaften müssen lernen vernünftig mit ihrer Freiheit umzugehen. Wichtig sei, so Emilio González Roncero, dass uns "niemand die Verantwortung für unsere Verantwortung nimmt". Er wies darauf hin, dass die Mitmenschen heutzutage in einer Experten-Gesellschaft leben und zeigte die daraus resultierenden Risiken auf: "Dass wir klonen können sagt noch lange nicht, dass wir klonen müssen." Hier helfe kein Expertenwissen weiter. Oft gebe es keinen Konsens bezüglich der Ziele, wohin der Fortschritt denn gehen solle. Mitunter machen Freiheit und Verantwortung ängstlich. "Das liegt daran, dass wir die Folgen unseres Handelns häufig nicht abschätzen können." Hier ist Mut erforderlich, weil weil Verantwortung in Schuld umschlagen kann. González mahnte, diesen Mut aufzubringen: Man müsse Antworten geben, auch wenn man nicht alles haarklein begründen könne.  Warum soll man denn überhaupt verantwortungsvoll handeln? Wieso ist demokratische verantwortung so wichtig? Was garantiert sie den anderen und mir? Die Philosophen im Historia gelangten zu der Überzeugung, dass die Übernahme von Verantwortung Schutz vor Fremdbestimmung bedeutet - man geht bewusst nicht den zunächst einfacher erscheinenden Weg, um die Lebensorientierung nicht anderen oder "dem da oben" zu überlassen. Und: Die Gemeinschaft trägt solidarisch die Verantwortung, wenn der Einzelne sie nicht tragen kann. Ob es sowas gibt? Sicher - nicht ohne Grund gibt es im Strafrecht den Begriff der mangelnden Zurechnungsfähigkeit. Auch wer geistig behindert ist oder im Koma kiegt, hat kaum oder gar keine Chance, Verantwortung zu übernehmen. Eine Chance, wieder im Museumsrestaurant Historia zu philosophieren, besteht nach der Sommerpause am 3. September.                                                    barni


WZ 9. Mai 2000

"Wer nicht handelt, kann nicht verantwortlich sein"

Die Besucher des "Café Philosophique" debattierten im "Historia" über leicht in Vergessenheit geratene Grundsätze.

Von Silvia Haiduk
 
 
Kaarst. Was bedeutet "Freiheit und Verantwortung" für den einzelnen Menschen, für die Gemeinschaft? Ein unerschöpfliches Thema, über das man stundenlang diskutieren kann. Bei 20 Leuten gruben sich am Sonntag die denkfalten in die Stirn, als sie sich zur vierten philosophischen Gesprächsrunde im Museumsrestaurant "Historia" an der Broicherdorfstr. trafen. 

Schon die ersten VHS-Veranstaltungen des "Café Philosophique" waren gut besucht. Das Thema wurde vor Beginn vorgeschlagen und von Moderator Emilio González Roncero ausgewählt. Ein wichtiger Ansatz war die Erkenntnis, dass es nur Verantwortung 

 geben kann, wenn es Freiheit gibt. " Verantwortung hängt auch mit Tun und Handeln zusammen. Wenn ich nicht handle, kann ich nicht verantwortlich sein.", gab Roncero zu bedenken. Dennoch müsse man erst in die Rolle hineinwachsen. "Erst mit der Entwicklung des Menschen ins Leben hinein fängt das Ich-Bewusstsein an. Es ist nicht etwas, was man schon in die Wiege hineingelegt bekommt", so ein Teilnehmer. Erst mit der im Laufe des Reifeprozesses gewonnenen Freiheit wachse die Verantwortung. Im Hinblick auf den wissenschaftlichen Fortschritt nimmt der Begriff der Verantwortung eine tragende Rolle ein. Die Runde nickte zustimmend, als Roncero bemerkte: "Ob wir klonen können, sagt noch lange nichts, ob wir klonen sollen.  Oft wird alle Verantwortung in die Hände von Experten gelegt. Die Entscheidungsgewalt, ob wir etwas tun sollen, kann uns ein Experte jedoch nicht abnehmen." Was Fortschritt ist, müssen alle Menschen gemeinsam entscheiden. - das Problem ist, einen Konsens über die Ziele zu finden. Roncero: "Wir müssen Perspektiven sehen und eine Stellung beziehen."

Eine höchst interessante Gesprächsrunde, die dazu anregte, auch "privat" einmal über solche vermeintlich verstaubten Wertebegriffe nachzudenken.


NGZ
 

Im "Café Philosophique" Gedanken über "Schicksal" und "Zufall" gemacht

Große Bestimmung-Zusammenhänge sind in den Hintergrund getreten
 
 
Holzbüttgen. Um zwei Begriffe, die im Alltag schnell dahergesagt sind, rankte sich jetzt die Diskussion im "Café Philosophique": Im Museumsrestaurant Historia machten sich Menschen ihre Gedanken über "Schicksal" und "Zufall". Emilio González Roncero griff als Moderator immer wieder ein und formulierte wie immer nach zwei Stunden eine Zusammenfassung. 

Die Veranstaltung der Volkshochschule Kaarst-Korschenbroich erfreut sich weiterhin recht großer Beliebtheit, obwohl es auch andere Möglichkeiten gibt, einen verregneten Nachmittag zu verbringen. Eine Intention des Café Philosophique ist es, sich mit Fragen einer Thematik zu nähern - klare Antworten kann es dagegen nicht geben, wohl aber neue Erkenntnisse. Besonders vorsichtig näherte man sich dem Begriff "Schicksal". Er wurde überwiegend mit etwas tendenziell Negativem  in Verbindung gebracht. Ist Schicksal ein Korsett oder eine Chance zum Handeln? Kann man sein Schicksal tatsächlöich selbst in die Hand nehmen? Ist das Schicksal überhaupt ein Schicksal, wenn es in meiner Macht steht, es zu wenden? Und wenn schließlich alles Schicksal ist, ist dann der Einzelne überhaupt für sein handeln verantwortlich? Emilio González Roncero nannte Gott und die Natur als zwei Schicksalsmächte und empfahl, den vieldiskutierten Begriff in seiner Vielschichtigkeit zu betrachten. Und dann ging es um den Zufall: Eine Diskussionsteilnehmerin definierte ihn als "etwas, das mir zufällt - sei es positiv oder negativ".

Der Zufall ist indifferenter als das Schicksal, gab der Moderator zu verstehen, "das Schicksal will etwas von uns, wir haben dort einen Stellenwert". Heftig diskutiert wurde darüber, ob der Betroffene den Schicksalsschlag zum Beispiel in Form einer schweren Krankheit selber zu verantworten hat. Emilio González Roncero gab folgendes zu bedenken: " Vielleicht sind Schicksal und Zufall zwei Seiten ein und derselben Medaille." Die Frage ist, an welche wir glauben. Wer schicksalsgläubig ist, wird möglicherweise zu anderen Bewertungen kommen als jemand, der dem Zufall Vorrang einräumt.

Und es gebe so etwas wie eine grobe Entwicklung von der Antike bis zur Gegenwart: Die Vorstellung, die Welt habe eine objektive Ordnung, die den Menschen Rahmenbedingungen vorgibt, sei immer mehr relativiert worden. Von den "großen Bestimmungs-Zusammenhängen" habe man sich mittlerweile verabschiedet, es habe eine Entwicklung hin zu einem Subjektivismus stattgefunden. So sei eine gewisse Sicherheit und Ordnung verloren gegangen. Auf der anderen Seite wurde der Mensch in seine persönliche Freiheit entlassen, die ihm allerdings auch mehr Verantwortung abverlange. Ein Grundsatz des Philosophen - so der Referent - laute, "alles fragwürdig zu machen, nichts als selbstverständlich hinzunehmen". Was allerdings auch Emilio González Roncero als absolut gegeben hinnimmt.                                        Rudolf Barnholt


NGZ 8. März 2000

Zweites "Café Philosophique" im Museumsrestaurant Historia: Teilnehmer erweiterten ihre Denkhorizonte

Bei Dauerglück droht seelische "Herzverfettung"
 
 
Kaarst. Philosophieren statt Schunkeln - für rund 50 interessierte Teilnehmer war am vergangenen Sonntagnachmittag das Café Philosophique im Museumsrestaurant Historia eine willkommene Alternative zum karnevalistischen Treiben. Moserator Emilio González Roncero wählte bei der zweiten Auflage der Veranstaltung aus den zahlreichen Vorschlägen der Besucher das Thema "Lust und Glück" aus.

Das Thema passte irgendwie zum Karneval. Es konnte natürlich in der zweistündigen Diskussion nicht darum gehen, Begriffe verbindlich zu definieren - der Reiz des Café Philosophique liegt vielmehr darin, Aspekte zusammenzutragen und dadurch Denkhorizonte zu erweitern. Moderator Emilio González Roncero sprach in diesem Zusammenhang von einer "Initialzündung": Die gemeinsame Diskussion gibt Denkanstöße, die

neugierig machen und dazu führen, sich intensiver mit der Philosophie zu befassen. Was ist Glück? Dieser Begriff wurde unter anderem als "eine Emotion, die vergänglich ist", definiert in Abgrenzung zur Zufriedenheit, die in der Regel etwas Beständiges sei. Und Glücklichsein hat auch etwas mit der Mentalität des Einzelnen zu tun. Die "Haltbarkeit" des Glücks hänge auch von der inneren Einstellung ab.

Ein Teilnehmer gab zu bedenken, dass man das Glück nicht verbissen suchen dürfe - man muss ihm aber eine Chance geben. Unumstritten war, dass das Glück so etwas wie eine Leihgabe ist, ein Zusammentreffen von Sein und Wollen. Wie kann man Glück empfinden angesichts der vielen Reize und Verlockungen? Gehört als Grundlage zum Glücklichsein nicht die Fähigkeit, den begrenzten Rahmen, in dem man lebt, zu akzeptieren? Ist wirklich jeder seines Glückes 

Schmied? Hier gab es unterschiedliche Meinungen zwischen den Diskussionsteilnehmern.

Emilio González Roncero sah eine Aufgabe der Philosophie als erfüllt an: "Ihre vornehmste Aufgabe ist es, Fragen zu vervielfältigen." Kann man in schlechten Zeiten von glücklichen Momenten zehren? Eine Diskussionsteilnehmerin gab zu bedenken, dass weniger erfreuliche Abschnitte im Leben das Glück erst erlebbar machen - bei Dauerglück drohe eine "seelische Herzverfettung". Was ist Lust? Ein kurzer Moment in dem man sich hochpuscht? Ist Lust akkumulierbar, wie die Werbung suggeriert? Ein Besucher des Café Philosophique grenzte die Begriffe so ab: "Man hat Lust auf etwas, Genuss an etwas und ist glücklich über etwas." "Die Lust müsse - so eine Meinung - im Leben richtig dosiert werden. Es wurde festgestellt, dass Lust oft mit Gewalt in 

Verbindung steht - diese negative Lust wird gespeist durch das Leid anderer Menschen. Sind wir auf immer stärkere Reize angewiesen, um Lust zu empfinden? In einem kurzen Exkurs gingen die Teilnehmer auf die Werbung ein: Kann sie tatsächlich Bedürfnisse schaffen oder ist sie nicht nur ein Abbild  der zur Zeit gültigen Werte und Ideale?

Allen, die Spaß am Philosophieren haben, stehen glücklich bis lustvolle Stunden bevor: Das Café Philosophique im Museumsrestaurant Historia, Broicherdorfstr. 63, öffnet seine Pforten wieder am 2. April um 16 Uhr. Das Thema wird wie immer spontan aus den Vorschlägen der Besucher heraus ausgewählt.                                  barni



NGZ

Teilnehmer diskutierten im "Café Philosophique"

Durch Meditation der Wahrheit näher kommen
 
 
Kaarst. Nach den Theman "Zeit" und "Glück und Lust" ging es beim dritten "Café Philosophique" im Museumsrestaurant Historia um die Wahrheit. Rund 35 Diskussionsteilnehmer unter der Moderation von Emilio González Roncero versuchten, sich dem Begriff aus den unterschiedlichsten Richtungen anzunähern. Wie so oft in der Philosophie war die Zahl der FRagen groß und die der Antworten klein.

Ist Wahrheit noch zeitgemäß? Schnell wurde die Diskussion unter religiösem Aspekt geführt: "Die absolute Wahrheit Jesu können wir mit unseren Fähigkeiten gar nicht erreichen", wurde da argumentiert. Man könne ihr aber durch Meditation ein Stück näher kommen. Wodurch wird Wahrheit gewiss? Fest stand: Wenn ich etwas sage, was ich nicht meine, bin ich zynisch. Aber im Verlauf der Diskussion sollte es noch verzwickter werden: Wie steht es um die Wahrheit im Hinblick auf wissenschaftliche Erkenntnisse? Haben diese überhaupt einen Anspruch auf Wahrheit? Gibt es in der Wissenschaft etwas Absolutes? Darf die Wissenschaft der Welt Wahrheiten mitteilen, wenn - wie im Fall der Atombombe - eine unethische Anwendung zu befürchten ist?

Wahrheit - das wurde deutlich - hat auch etwas mit Vertrauen zu tun: Wenn man jemandem vertraut, hält man etwas für wahr, ohne es überprüfen zu können. Wie erkennt man den Wahrheitsgehalt der einer Liebeserklärung? Emilio González Roncero sprach in diesem Zusammenhang von einem Kredit, der gegeben wird, ohne Einsicht zu haben, wie sich dieser Mensch und seine Einstellung zum anderen entwickeln wird. Was ist wahr? "Wie kommen wir beispielsweise

dazu, zu behaupten, der Mensch habe eine Wprde und die sei unantastbar?"

Der Wahrheitsbegriff ist oft ethisch geprägt. Ein Diskussionsteilnehmer wies darauf hin, dass die Frage des Zeitgeistes bei der Beurteilung eine Rolle spiele. Ein Beispiel: Die Inquisition im Mitelalter war zu ihrer Zeit als richtig anerkannt gewesen. Der Moderator gab abchließend zu bedenken, dass durch die Statements der anderen der eigene Horizont erweitert werden könnte. Angesichts der etwas ausufernden Diskussion warb er für Geduld: Philosophieren sei manchmal ein Herumstochern in der Dunkelheit, aber "auf lange Sicht eine ganz fruchtbare Sache". Und Emilio González Roncero warf eine weitere Frage auf: "Kann man sich ein menschliches Zusammenleben ohne den Anspruch auf Wahrheit überhaupt vorstellen?"

Ein Teilnehmer hatte seine eigene Definition von Wahrheit parat: "Wahr ist, Herr González, dass Sie sehr gut moderieren." So verpönt Meinungen großer Philosophen im Kaarster Café Philosophique auch sind - zum Schluß lies der Moderator Nitzsche zu Wort kommen. "Die Wahrheit heisst, nach einer festen Konvention zu lügen." Ohne Zweifel wahr: Nächste Woche Donnerstag, 13. April, spricht Dr. Helmut Blochwitz um 19.45 Uhr im Volkshochschul-Gebäude zum Thema "Ist es dumm, moralisch zu sein?". Und am ersten Sonntag im Mai um 16 Uhr öffnet das "Café Philosophique" wieder seine Pforten.            barni



NGZ 27. 01. 2000

Volkshochschule mit neuem Angebot: Gespräche in Kaffeehaus-Atmosphäre

Im Kaarster "Café Philosophique" auf den Spuren des Sokrates
 
 
 
Kaarst. Die Veranstalter sprechen von einem - im positiven Sinne - "Abenteuer mit ungewissem Ausgang", dem Aufbruch in die Welt der Gedanken, Vorstellungen und Überzeugungen. Was zunächst abstrakt klingt, wollen die Volkshochschule und Moderator Emilio González Roncer greifbar machen und mit Leben füllen: Am Sonntag, 6. Februar , öffnet um 16 Uhr zum ersten Mal das Café Philosophique in den Räumen des Historia an der Broicherdorfstr. seine Türen. Zwei Stunden, so das Konzept, das Roncero gestern gemeinsam mit Dr. Michael Bau  von der VHS und Historia-Chefin Hildegard Burri-Bayer vorstellte, sollen sich dort Menschen zum gemeinsamen philosophischen Gespräch treffen. Zu Beginn machen die Besucher dem Moderator Vorschläge für Themen, von denen dieser eines auswählen und zur Diskussion stellen wird. Jeder kann sich zu Wort melden, jedem wird Gehör geschenkt, Fachkenntnisse sind nicht erforderlich. Die Idee des Café Philosophique basiert auf einem Konzept des französischen Philosophen Marc Sautet, das erstmals 1992 im Pariser Café des Phares in die Praxis umgesetzt wurde und in Sautets Buch "Ein Café für Sokrates" beschrieben ist. Inzwischen gibt es 150 solcher Cafés, 20 in Paris und über 150 in aller Welt. Emilio González Roncero war es, der 1997 mit dem Verein Café Philosophique begann, im Düsseldorfer "Malkasten" regelmäßig zum philosophischen Gespräch einzuladen.(*)

Reges Interesse erwartet

Das Interesse ist von Beginn an groß: Rund 70 Besucher zählt das Café bei jedem Treffen. "Wir rechnen auch in Kaarst mit zahlreichen Besuchern", sagt Dr. Michael Bau. Die Erfahrung der VHS mit Angeboten aus dem Bereich Philosophie sei in den vergangenen Semestern sehr positiv gewesen. Die Kurse gehörten inzwischen zum Standard-Programm. Das Café Philosophique soll sich jedoch gründlich von der "normalen" VHS Arbeit unterscheiden. "In der Kaffeehaus-Atmosphäre, die Vertrauen schafft und in der sich Öffentliches und Privates treffen, sind die Hemmschwellen geringer", sagt der Moderator, der die Alltagstauglichkeit philosophischen Denkens demonstrieren möchte. Fachsimpelei sei nicht gefragt, es gehe um eigene Erfahrungen, das Aufbrechen eingefahrener Denkgewohnheiten und eigene 

Ansichten, die auf den Prüfstand gestellt werden könnten. In Düsseldorf wurden in der Vergangenheit zum Beispiel die Themen "Was ist Weisheit?", "Gewalt" oder "Gibt es eine weltweite Ethik?" diskutiert. Dabei, so die Erfahrung Ronceros, beteiligen sich in der Regel viele Besucher am Gespräch: "Eine Schau-Diskussion einzelner 'Experten' soll es nicht geben, da werde ich als Moderator einschreiten." Dies gelte auch für "Experten", die über philosophische Literatur diskutieren wollen. "Keiner soll sich hinter großen Namen verstecken können, es geht um die eigenen Erfahrungen." Nach der Premiere sind weitere Termine für das Café Philosophique für den 5. März, 2. April und 7. Mai, jeweils von 16 bis 18 Uhr angesetzt                                      Frank Kirschstein 

(*) trifft nicht zu! Es handelt sich hier um ein Missverständnis (EGR)


WZ 27. Januar 2000

Wichtige Fragen des Lebens locker beim Kaffee bereden

"Café Philosophique" ist ein neues Angebot von VHS und Historia

Von Marion Troja
 
 
Kaarst. "Sokrates hat die Menschen auf dem Markt in Gespräche verwickelt und mit ihnen über grundsätzliche Lebensfragen diskutiert", sagt Emilio González. Gerade die Verbindung eines öffentlichen Raumes mit dem Reden über persönliche Erfahrungen eröffne Perspektiven und Denkhorizonte, berichtet der 40 jährige Philosoph  mit der sanften Stimme. Und diese Idee hat heute wieder Erfolg. Nach Düsseldorf, Essen, Dortmund und Koblenz gibt es ab Februar in Kaarst ein "Café Philosophique".

Jeden ersten Sonntag im Monat können sich im Museumsrestaurant "Historia" von 16 bis 18 Uhr Menschen treffen zu "Gesprächen, die uns angehen", wie González es formuliert. "Bei uns debattieren keine Fachexperten, sondern jeder kommt mit seinen eigenen Erkenntnissen", beschreibt er das Konzept. Eine wichtige Aufgabe fällt ihm dabei als Moderator zu. Die Besucher nennen spontan Themen, über die sie sprechen wollen. González entscheidet und führt die Diskussion. "Bei uns muss niemand vorbereitet sein, interessant ist der gemeinschaftliche Gedankenaustausch."

Dass er mit diesem Ansatz einen Nerv der Zeit trifft, zeigt der Erfolg des Düsseldorfer "Café Philosophique", zu dem sich im "Malksten" seit 1997 regelmäßig etwa vierzig Personen Treffen. Zurück geht das Konzept auf den Pariser Philosophen Marc Sautet, der auch die ersten Male in Düsseldorf dabei war. Sein Kennzeichen: Keinen elitären Denkerzirkel schaffen, sondern kostenlos in einem Café-Ambiente Gespräche entstehen lassen. "Die Teilnehmer sind keine Konsumenten, sondern gestalten zusammen den Nachmittag." Worum es dabei geht, ist unterschiedlich: Gewalt, Freundschaft, Glück, Krieg oder die Frage nach einer weltweiten Ethik sind Beispiele aus Düsseldorf. Als seine Aufgabe sieht González, der schon seit Jahren Philosophie-Kurse an der VHS anbietet, die Hemmschwelle zum Thema Philosophie niedrig zu halten. Und komplexe Definitionen aus dem Philosophielexikon seien dafür nicht hilfreich.

Initiiert hat er das Projekt mit Dr. Michael Bau, VHS Fachbereichsleiter und Hildegard Burri-Bayer vom Historia. Beide sind überzeugt, dass das "Café Philosophique" auf rege Nachfrage treffen wird. "Wir sind die erste Kleinstadt, in der das Konzept umgesetzt wird", sagt Bau. Aber auch an dem Besuch der VHS-Angebote liest er einen Trend ab, sich intensiver mit Philosophie zu befassen. Los geht es am Sonntag, 6. Februar um 16 Uhr.


NGZ 30. 11. 2000
 

Café Philosophique: Einsamkeit ist weit verbreitet

Konkurrenz-Gesellschaft begünstigt Einzelkämpfer
 
 
Kaarst. Das "Café Philosophique" im Museumsrestaurant Historia, eine Veranstaltung der städtischen Volkshochschule Kaarst-Korschenbroich, bestand diesmal nur aus einem Dutzend Interessierter, die unter der Leitung von Emilio González Roncero ins Gespräch kamen. Das Thema lautete: "Einsamkeit". Wie kann ein Mensch diesen unbefriedigenden Zustand überwinden? Hilft es, sich ins Nachtleben zu stürzen, schwer aktiv zu werden? Die Diskussions-Teilnehmer erkannten, dass dies wohl nicht der richtige Weg ist.

Kann man unter Menschen und zugleich einsam sein? Diese Frage wurde mit "Ja" beantwortet. Selbst in Ehen mangelt es mitunter am verstehenden Dialog, so entsteht ein idealer Nährboden für Einsamkeit. Heutzutage gibt es doch so viele Möglichkeiten, andere Leute zu treffen - wieso ist da Einsamkeit überhaupt noch ein Thema? Die Diskussions-Teilnehmer stellten fest, dass es Hemmschwellen gibt, die nicht leicht überwunden werden können. Oft haben Verletzungen den Prozess der Vereinsamung ausgelöst, die Betroffenen sehen ihre Einsamkeit als Schutz. 

Was ist zu tun? "Man darf andere Menschen nicht als Bedrohung ansehen, selbst wenn man schlechte Erfahrungen gemacht hat", mahnte Emilio González Roncero. Man müsse "einen Kredit geben, für den man keine Bürgschaft erhält." "Durch Einsamkeit kann man psychisch krank werden", stellte ein Teilnehmer fest. Jeder müsse ein hohes Maß an Energie aufbringen, um die innere Begrenzung zu überschreiten. In diesem Zusammenhang wurde die Bedeutung der Fähigkeit, Vertrauen zu investieren, hervorgehoben: Leichter gesagt als getan, wenn man entmutigt ist und ohne Selbstbewusstsein - ein Teufelskreis,

aus dem man sich befreien muss.

"Auch wer mit beiden Beinen im Leben steht, kann einsam sein", wurde da geäußert. Und Intoleranz schafft Einsamkeit. Man dürfe nicht zum Spielball der Freizeitgesellschaft werden. Kneipenbummel seien nicht der richtige Weg, um der Einsamkeit zu entrinnen. Man verzettelt sich, bleibt oberflächlich. Und die Konkurrenz-Gesellschaft begünstigt Einzelkämpfer. Wichtig sei, bei seinen Mitmenschen eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen. Kann man auch alleine Leben, ohne einsam zu sein? "Ja, solange ich ein Ziel habe und die Energie, es zu verfolgen", gab ein Teilnehmer zu verstehen. Wie kann Einsamkeit überwunden werden? Man müsse nicht alle Möglichkeiten ausschöpfen, die die Freizeitgesellschaft biete, dürfe nicht zum Spielball der Möglichkeiten werden. Vielmehr gehe es darum, für sich selbst Prioritäten zu setzen. Kein Aktionismus also, sondern eher eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte wie die Familie. Ein Teilnehmer beschrieb sie als "Bollwerk gegen die Einsamkeit". Die Familie müsse dem Einzelnen aber die Chance zur individuellen Entwicklung lassen, dürfe ihn nicht zu sehr einschränken. Die festeren Strukturen früherer Tage hätten der Einsamkeit weniger Chancen eingeräumt, sich breit zu machen. Einen Trend sah die Gruppe in Bezug auf das Problem "Einsamkeit" als bedenklich an: "Man beschäftigt sich zunehmend mit den unterschiedlichsten Dingen, ist informiert, wird zum Experten - nur die Auseinandersetzung mit dem Mitmenschen droht auf der Strecke zu bleiben."                                                                        barni


 


NGZ 07.12.2000

Lebhafte Diskussionsrunde im Café Philosophique

Toleranz darf nicht zu Gleichgültigkeit werden
 
 
Kaarst. Beim letzten "Café Philosophique" in diesem Jahr ging es um den Begriff Toleranz. Wieder wurden unter der Leitung von Emilio González Roncero Perspektiven eröffnet; es wurde diskutiert und differenziert. Leider war diesmal nur ein Dutzend Freizeit-Philosophen ins Museumsrestaurant Historia gekommen. Die Veranstaltung der Volkshochschule Kaarst-Korschenbroich bleibt auch weiter im Programm - nächster Termin ist Sonntag, der 14. Januar 16 Uhr.

Es war eine sehr intensive Diskussionsrunde: "Meine Toleranz endet da, wo ich der Intoleranz begegne", gab eine Teilnehmerin zu verstehen. "Leben und leben lassen", so definierte ein anderer Gast kurz und bündig den Begriff. Und es tauchten Fragen wie diese auf: Kann Toleranz nicht den völligen Werteverlust beinhalten? "Tolerant" - das wurde bald deutlich, kann auch negativ besetzt sein. Sie darf nicht in Gleichgültigkeit ausarten - das wäre falsch verstandene Toleranz. Wie kann man Toleranz üben? Zuhören, sich frei machen von der eigenen, anerzo-

genen Meinung. Versuchen, die Sichtweise des anderen einzunehmen und gleichzeitig von der eigenen etwas abrücken - so wurde Toleranz von einem Diskussionsteilnehmer skizziert. 

Immer wieder wurde der Frage nachgegangen, ob es Leitwerte, gibt, die nicht verhandelbar sind. Es gibt - diese Meinung zeichnete sich im Laufe des Nachmittags ab - nichts "in Stein gemeißeltes": Die Wertvorstellungen in einer Gesellschaft ändern sich. Gleichwohl sind einige Grundwerte im Grundgesetz unabänderlich festgeschrieben. Wie kommt es, dass den Ausländer als Arbeitskollegen schätzt, trotzdem Intoleranz gegenüber Fremden übt? Im Café Philosophique wurde herausgearbeitet, dass Toleranz erst dann gefordert ist, wenn eine Andersartigkeit eine Rolle spielt. Deshalb fällt es beispielsweise leicht, einen Ausländer, der seine Arbeit korrekt erledigt, am Arbeitsplatz zu tolerieren. Kulturelle Abweichungen stellen jedoch die Toleranz auf die Probe. "Wir tun immer so, als ob alles tolerabel ist - das glaube ich nicht", so Roncero.

 Was ist mit einem Kinderschänder, kann man dessen Verhalten tolerieren? Natürlich nicht - man dürfe jedoch den Menschen als solches aufgeben. Bei allen Wertkollisionen zwischen den Kulturen gebe es immer etwas, was die Menschen nicht trenne - das Menschsein ist das Verbindende, die Brücke zum anderen. Das Trennende ist das, was die Toleranz erst herausfodert. Emilio González Roncero gab sein Statement zum vieldiskutierten Begriff "Leitkultur" ab: " Beim Tanzen ist es vielleicht noch ganz schön, wenn einer führt und der andere folgt, weniger dagegen bei der Kultur - das hatten wir ja schon mal."

Die diskussionsfreudige Gruppe kam zu dem Schluss, dass es schwierig sei, die Grenze der Toleranz zu bestimmen. Fest dagegen steht: Sobald ich einen Menschen akzeptiere und respektiere, auf ihn zugehe, bedarf es keiner Toleranz. Und: Toleranz ist vor allem dann gefordert, wenn es das Fremde gibt. Emilio González Roncero definierte den Krieg als den "verzweifelten, vielleicht zynischen Versuch, das Fremde auszulöschen". Dieses bedrohliche Beispiel mache deutlich, wie wichtig es ist, sich mit der Frage der Toleranz auseinanderzusetzen.                   barni


NGZ 16. Januar 2001
 

Angeregte Diskussion im Café Philosophique

Es gibt mehr als einen Grund, ehrlich zu sein
 
 
Kaarst. "Warum sollen wir ehrlich sein?" Um diese Frage kreiste jetzt die lebhafte Diskussion im Museumsrestaurant Historia. Rund zwei Dutzend Interessenten waren zum Café Philosophique unter der Leitung von Emilio González Roncero gekommen - sie beweiesen, dass ihre Gehirnzellen unter den Minustemperaturen keinesfalls gelitten hatten. Und sie sollten zu dem Schluss kommen, dass es mehr als einen Grund geben kann, ehrlich zu sein.

Die VHS-Veranstaltung (die Teilnahme ist kostenlos, eine Voranmeldung ist nicht erforderlich) entwickelte sich schon bald zu einer lebhaften Diskussion, zu der jeder seinen Teil beizutragen hatte. Kann Ehrlichkeit nicht auch verletzend sein? Es wurde deutlich, dass es nicht immer moralisch verwerflich sein muss, unehrlich zu sein, sondern etwas mit Rücksichtnahme zu tun haben kann. Und: Zur Ehrlichkeit gehört Mut - nicht nur für sich selber, denn nicht selten mutet man mit seiner Ehrlichkeit einem Anderen etwas zu.

Und wie sieht es mit der Einkommensteuer aus? "Da haben viele Deutsche keine Probleme, unehrlich zu sein", gab ein Teilnehmer zu verstehen. Wer erwischt wird muss mit Konsequenzen rechnen. Warum soll man aber ehrlich sein wenn keine Sanktionen zu befürchten sind? In diesem Zusammenhang vielen Begriffe wie "Gewissen", "Moral", aber auch der Hinweis, die Wahrheit mache freier, sie habe mit persönlicher Würde zu tun. Ehrlichkeit hat also eine Wirkung in Bezug auf Andere, aber auch auf einen selbst. Klar, es gibt Menschen, die lügen, ohne rot zu werden und sich auch noch clever fühlen - das ändert aber nichts daran, 

Ehrlichkeit in die Nähe von Moral zu rücken: "Moralisches Handeln macht den Menschen würdig, es stellt sich eine Zufriedenheit eigener Art ein", wurde da angemerkt.

Rein nutzenorientierte Gründe sprechen nicht immer für die Ehrlichkeit - viele leben mit ihren Lügen schliesslich ganz gut. "Innerhalb der Welt des Scheins kann Betrug so etwas wie die Wahrheit sein".: Diesen Satz formulierte Emilio González Roncero, nachdem ein Diskussionsteilnehmer daran erinnert hatte, wie der "Baulöwe" Schneider durch die Vortäuschung von Reichtum mühelos zu hohen Krediten gekommen war. Es wurde herausgearbeitet, dass eine Art Voraussetzung dafür, ehrlich zu sein, moralisch zu handeln also, eine gewisse Wahlfreiheit ist.

Woher nimmt der Atheist, der auch nicht sprirutuell veranlagt ist, die Motivation zur Ehrlichkeit? Sie kann im Anspruch sich selbst gegenüber begründet sein, aber auch in der Erkenntnis, das eine vernünftige Kommunikation mit anderen Menschen auf Vertrauen basiert - einem Vertrauen, über das man die Verbindung zu Anderen herstellt und das durch Unehrlichkeit empfindlich getrübt, wenn nicht gar zerstört werden kann. Dann gibt es da noch die Sehnsucht nach Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Den Haken an der Sache machte Emilio González Roncero an einem Nietzsche-Zitat deutlich: "Wahrheit ist, nach einer festen Konvention zu lügen". Was dahinter steckt: Wir können uns unserer Wahrheit nicht immer sicher sein. Sicher ist: Am Sonntag, 4. Februar, gibt es das nächste "Café Philosophique" im Historia an der Broicherdorfstraße.           barni


NGZ 12. Februar 2001

Café Philosophique: Angeregte Diskussion

Fischer und der Wandel vom Saulus zum Paulus
 
 
Zum monatlichen "Café Philosophique" kamen jetzt rund drei Dutzend Interessierte unter der Leitung von Emilio Gonzalez Roncero im Museumsrestaurant Historia zusammen, das nunmehr auf sein fünfjähriges Bestehen zurückblicken kann. 
Diesmal diskutierten die Teilnehmer über ein sehr metaphorisches Thema: "Vom Saulus zum Paulus". Aufhänger war die Entwicklung des früheren Steinewerfers und jetzigen Außenministers Joschka Fischer. Der Moderator stellte eingangs eine Frage, an der sich die Diskussionsteilnehmer hochhangelten: "Ist jemand, der aus voller Überzeugung etwas tut und später der Ansicht ist, es war falsch, für diesen Meinungswandel verantwortlich?" Auf klare Fragen gibt es im Café Philosophique allerdings keine klare Antworten - sie lösen wohl anregende Gespräche aus, in denen man sich der Thematik aus den unterschiedlichen Perspektiven zu nähern versucht. 
Im Falle des Joseph Fischer, der vielleicht am meisten überbewerteten Aktie an der Berliner Politbörse, neigten die Besucher dazu, zu differenzieren: Er wurde als Mensch anders, nämlich wohlwollender bewertet als in seiner Rolle als Staatsmann. Ist diese Differenzierung ethisch gerechtigtfertigt? Ausgiebig wurden die Begriffe "Wandel" und "Entwicklung" diskutiert. Voraussetzung für einen Wandel sei nicht immer eine persönliche Reflexion, oft seien äußere Einflüsse die Ursache. Ein wünschenswertes Ziel der Entwicklung: Eigenverantwortlichkeit. Wandel, das wurde herausgearbeitet, ist mit Unsicherheiten verbunden. In welchem Sinne ist er begrüßenswert? Der Wandel - so Roncero Gonzalez - sei zurzeit so bedeutend wie nie zuvor. Und: "Wir können ihn als Chance sehen, als Sprungbrett, um anders zu werden, um Grenzen zu sprengen." 
Allerdings könne es auch sein, "dass wir Marionetten des Wandels werden", dass wir schneller laufen, aber nicht vom Fleck kommen, wie der Hamster im Hamsterrad. In diesem Zusammenhang mahnten einige der Anwesenden, nicht jedem Trend zu folgen, auch schon mal gegen den Strom zu schwimmen. Der Moderator gab Folgendes zu bedenken: "Es gibt gar keinen Haltepunkt, wir sind immer im Fluss." Wie beurteilt man den Wandel vom Saulus zum Paulus? Steckt Opportunismus dahinter? Dann fehlt der ethische Aspekt. Ethisch wertvoll dagegen: der Wandel, der den Menschen reifer macht. 
Unter'm Strich wurde Folgendes festgestellt: Es gibt positiven, negativen und wertfreien Wandel, und es gibt ethische Maßstäbe für jeden. Schließlich noch eine interessante These: "Unsere Wahrnehmung ändert sich nicht, obwohl sich alles um uns herum wandelt." Eine gängige Feststellung in diesem Zusammenhang lautet bekanntlich: "Früher war alles besser." Emilio Roncero Gonzalez zitierte "einen weisen Menschen", dessen Namen er gerade nicht parat hatte, mit folgenden Worten: "Auch in Zukunft wird die Vergangenheit besser sein." 
Das muss jedoch nicht sein: Man solle sich die Frage stellen, was denn heute die aktuellen Werte seien. Außerdem gelte es, den Blick dafür zu schärfen, was an den neuen Entwicklungen positiv sei, statt die Vergangenheit nostalgisch verklärt zu sehen. Noch einmal zurück zum Thema: "Keiner kann sagen, dass er nicht einen kleinen Saulus und Paulus in sich hätte", so der Moderator. Das nächste Café Philosphique steht am Sonntag, 4. März, um 16 Uhr im Museumsrestaurant Historia an der Broicherdorfstraße auf dem Programm.
barni 


NGZ 15. März 2001
 

Lebhafte Diskussion im "Café Philosophique"

Verzicht kann einen Gewinn bedeuten
 
 
"Ein nicht gelebtes Leben ist nicht gefundene Identität?" Hörte sich interessant an, dieses Thema im Café Philosophique. Doch dann gab es eine hauchdünne Mehrheit für eine von drei Alternativen: Rund 30 Interessierte sollten jetzt im Museumsrestaurant Historia unter der Leitung von Emilio Gonzalez Roncero zwei Stunden lang über einen Satz von Martin Heidegger diskutieren, der bestens in die Fastenzeit passt: "Der Verzicht nimmt nichts, sondern der Verzicht gibt." 
Ist weniger mehr? Hat der Verzicht in unserer Konsumgesellschaft überhaupt einen Wert. Ach ja: Wie definiert man überhaupt "Verzicht"? Verzicht wurde mit Freiheit in Verbindung gebracht: Man könnte, wenn man wollte. In diesem Zusammenhang wurde ein Ergänzungsbegriff genannt: Entbehrung - sie ist so etwas wie aufgezwungener Verzicht. Worauf kann man verzichten? Auf Immaterielles, indem man beispielsweise davon absieht, auf eine dumme Bemerkung entsprechend zu reagieren. In erster Linie ging es jedoch in der Diskussion um Materielles - Konsumieren gilt als modern, Anspruchsdenken ist weit verbreitet. Verzicht kann bedeuten, dass man ein besseres, höheres Ziel anstrebt. 
Ein Beispiel: Der Student verkneift sich den Partybesuch, um sich auf das Examen vorzubereiten als Grundlage für seinen beruflichen Erfolg. Verzicht zu Gunsten anderer bekommt eine moralische Dimension. Woher kommt die Haltung, nicht verzichten zu wollen? Die Diskussionsteilnehmer machten unter anderem den Wandel der religiösen Werte dafür verantwortlich. Der moderne Mensch möchte das irdische Leben auskosten, lässt sich nicht so leicht mit dem Paradies als Perspektive abspeisen. 
Emilio Roncero Gonzalez, der sich wie immer über mangelnde Beteiligung an der Diskussion nicht zu beklagen hatte, stellte folgende Frage in den Raum: "Worin könnte heute der positive Aspekt des Verzichts liegen?" Und: "Zerstören wir mit allzu viel Verzicht nicht unsere wirtschaftliche Basis?" Man kam zu dem Schluss, dass es gelte, das richtige Maß zu finden - und dass Verzicht einen gemeinschaftsstabilisierenden Wert hat. Eine wichtige Voraussetzung für Verzicht: Man muss die Schieflage erkennen, das Übermaß, das uns nicht zuträglich ist. Fest scheint zu stehen: Ein positiver Wert ist noch nicht gleichzusetzen mit der Bereitschaft zum Verzicht. Ein Beispiel ist die Umweltverschmutzung - jeder kennt die Bedrohung, nur wenige sind bereit, zu reagieren, indem sie sich beispielsweise seltener hinters Steuer ihres schicken Wagens setzen. Man muss - so wurde festgestellt - einen Sinn dafür entwickeln, was der Verzicht einem bringt. 
Möglicherweise haben erst künftige Generationen - zum Beispiel im Umweltbereich - etwas davon, wenn heute Verzicht geübt wird. Das Ergebnis nach zweistündiger Diskussion, auf eine Aussage komprimiert: Verzicht kann durchaus einen Gewinn bedeuten, den es allerdings zu erkennen gilt. Kein Aprilscherz: Das nächste Café Philosophique öffnet am 1. April um 16 Uhr im Historia an der Broicherdorfstraße seine Pforten.                                                                                                barni 


NGZ 11. 04. 2001
 

Die Gesellschaft ohne Christus

Fragen aufwerfen und darüber diskutieren, obwohl von vornherein feststeht, dass es keine eindeutige Antwort geben wird, das ist eine Spezialität des "Café Philosophique", das einmal im Monat im Museumsrestaurant "Historia" stattfindet.
 
 
Die 20 Besucher, die diesmal gekommen waren und Moderator Emilio Roncero Gonzalez hatten es sich sehr schwer gemacht: "Wie wäre unser Leben ohne Christus verlaufen", lautete das Thema. Wenn auch keine eindeutige Antwort erarbeitet werden konnte, so wurde doch einiges klargestellt - so zum Beispiel, dass wir auch ohne die christliche Tradition heute nicht in einem normenfreien Raum leben würden. So manche Denkansätze wurden im Gespräch schnell widerlegt: Ein Gott statt vieler - das ist nicht nur prägend für das Christentum - in der griechischen Philosophie existierte der Gedanke an den Ein-Gott-Glauben schon rund 500 Jahre früher. Was sind das für spezifisch christliche Werte? Nicht Unrecht mit Unrecht zu vergelten etwa? Kann man so nicht sagen, immerhin hatten schon die antiken Philosophen Sokrates und Platon diese Auffassung vertreten. Schon eher typisch christlich: Der Gedanke, dass die "schlecht weggekommene" Menschen Zuwendung finden, den am Boden Liegenden die hilfreiche Hand entgegengestreckt wird, kurz: der Caritasgedanke. Das Christentum, so wurde erkannt, ist schon sehr undogmatisch. Ein Problem: Inwieweit deckt sich die Lehre Jesu mit dem, was die Evangelisten schließlich aufgeschrieben haben? Ein unzweifelhaftes Merkmal des christlichen Glaubens: Ein gewisser Irrationalismus: "Du musst blind glauben?" Liegt darin nicht der Keim der Intoleranz?  Ein anderes Charakteristikum ist die Universalität: Jeder kann im Prinzip dazu gehören. Die mögliche Kehrseite dieser Medaille: Die Gefahr der Missionierung mit all ihren negativen Seiten. Soziales Empfinden Behinderten gegenüber, die Überzeugung, dass es nicht lebenswertes Leben nicht gibt, ebenso eine antirassistische Weltanschauung - das alles wurde im Café Philosophique als christlich angesehen, könne aber möglicherweise auch anderen Religionen zugeschrieben werden. Gäbe es ohne die christliche Lehre weniger Toleranz und Nächstenliebe, würden wir heute in einer schlechteren Gesellschaft leben ohne Christus? Eine Frage, die angesichts der Vermischung von Kulturen, die dazu führen kann, dass das spezifisch Christliche verblasst, durchaus von gewisser Aktualität ist. Emilio Gonzalez Roncero gab folgendes zu verstehen: "Wir hätten eine andere Moral." Und: "Es würde sicherlich nicht drunter und drüber gehen." Religionen, egal welche, transportieren schließlich alle Ideale, die jeweils als Aufforderung an die Menschen verstanden werden wollen. Ebenfalls nicht ganz ohne Aufforderungscharakter: Das nächste "Café Philosophique" steht am 6. Mai auf dem Programm.                                                 barni 

 


NGZ 10. 05. 2001
 
 
 
 Diskussion im Café Philosophique 
 

Widrigkeiten des Lebens verändern die Identität 

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Beim "Café Philosophique" beschäftigten sich jetzt die Teilnehmer im Museumsrestaurant Historia mit einem Begriff, der nur schwer zu fassen war: Identität. 
Das Thema, das unter der Leitung von Emilio Roncero Gonzalez diskutiert wurde, hieß: "Ist nicht gelebtes Leben nicht gefundene Identität?" Eines vorab: Diese Frage konnte nicht wirklich beantwortet werden. Es kristallisierte sich aber unter anderem heraus, dass Identität nicht immer etwas Positives sein muss. Das jetzt diskutierte Thema war schon mehrfach vorgeschlagen worden, nun gab es endlich eine hauchdünne Mehrheit. Wo komme ich her, wer bin ich, wo will ich hin? Was ist Identität? Es ist ja bekanntlich ein Merkmal des "Café Philosophique", dass Fragen aufgeworfen werden - meistens sogar mehr, als beantwortet werden können. Eltern, Freunde, der Kulturkreis, die Gene - wer oder was prägt alles die Identität? Und kann sie ein Mensch verfehlen? 

Sie wurde von einem Besucher als "Mischung aus Natur und Kultur" definiert, von einem anderen als "unseren Standort". Sich nicht verbiegen zu lassen, war für einen Teilnehmer ebenso wichtig. Emilio Roncero Gonzalez sprach von einem "authentischen Rückbezug zu sich selbst". Allerdings: Jede Konfrontation mit der Außenwelt, mit den Widrigkeiten des Lebens, wirkt sich verändernd auf die Identität eines Menschen aus. Der Moderator bezeichnete die Identität deshalb als "etwas Statisches in der Dynamik". Welchen Anteil hat der Charakter an der Identität? Er ist, so wurde herausgearbeitet, eine Art Teilmenge von ihr. "In einem anderen Kulturkreis kann die natürliche Identität zum Problem werden", merkte eine Teilnehmerin an. Und: "Identität bedeutet nicht die völlig ungehemmte Auslebung seines Charakters." 
 

 

So gehöre auch der Partner zur Identität des anderen. Kompromissbereitschaft gehört aber nicht nur in Bezug auf den Lebenspartner dazu, Identität darf nicht zur Borniertheit führen, getreu dem Motto: "Dies macht mich aus, alles andere negiere ich." Vor diesem Hintergrund war es nur ein kurzer Weg zu der Erkenntnis, dass Identität auch etwas Schreckliches, Menschenverachtendes sein könne, wenn der Betreffende bei aller Konstanz nicht offen ist für einen Wandel. Kritisches Denken, eine Prüfung seiner Positionen und eine gute Portion Selbstbewusstsein setzt die Identität voraus. Um sich später nichts vorwerfen zu müssen, müsse man den Anteil der Fremdbestimmung minimieren, gab ein Teilnehmer zu verstehen. 

"Nicht nur reagieren, sondern agieren", war für einen anderen wichtig, ebenso wie eigene Wünsche nicht aus den Augen zu verlieren. Eine ältere Dame gab zu bedenken, dass Erfolg keine Voraussetzung sei für ein gelebtes Leben. Gelebtes Leben sei aber auf jeden Fall mehr als bloßes Überleben. Der Idealfall, von Emilio Roncero Gonzales formuliert: "Wenn jemand den Eindruck hat, ein für seine Wertvorstellungen stimmiges Leben zu führen." Wie intensiv muss denn gelebt werden, um seine eigene Identität zu erkennen? Wenn man gelebt hat, hat man dann nicht auf jeden Fall eine Identität gehabt? 

Das ebenso Gemeine wie Faszinierende an der Philosophie sollte sich auch diesmal wieder einstellen: Es traten unterschiedliche Positionen auf, die gestellte Frage konnte nicht eindeutig beantwortet werden. Wann findet das nächste - und letzte - Café Philosophieque vor der Sommerpause statt? Hierauf gibt es eine eindeutige Antwort: Am Pfingstsonntag, wieder um 16 Uhr im "Historia" an der Broicherdorfstraße.
barni 


NGZ 08.09.2001

Eigene Position kritisch überdenken

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Beim ersten "Café Philosophique" nach der Sommerpause standen jetzt die Begriffe "Hoffnung" und "Sehnsucht" im Mittelpunkt. Knapp zwei Dutzend Menschen versuchten diese im Museumsrestaurant Historia, sie zu definieren, voneinander abzugrenzen und in Beziehung zueinander zu bringen. Der Leiter des "Café Philosophique", Emilio Roncero Gonzalez, hatte zuvor gemahnt, in Bezug auf vorhandene eigene Positionen "selbstkritisch" an die Sache heranzugehen".
 
 
"Hoffnung und Sehnsucht als Grundmerkmale des menschlichen Daseins" lautete das Thema, das viele Fragen aufwarf. Sind die beiden Begriffe identisch oder ist die Hoffnung etwas Weitergehendes? Hoffnung, so ein Diskussionsteilnehmer, habe mehr praktischen und banalen Charakter. Und er gab ein passendes Beispiel: "Ich hoffe, dass es gleich nicht regnet." Hoffnung, so ein anderer, sei "eine der zentralen christlichen Tugenden", habe viel mit Zuversicht zu tun. Und hat Sehnsucht nicht viel mit Leidenschaft zu tun, mit einem Suchen, das nie endet? In der Sehnsucht wurde auch ein starker Antrieb gesehen, der Kraft und Motivation gibt für Veränderungen. 
 

Ist die Sehnsucht überhaupt erfüllbar? Worin liegt ihr Wert? Emilio Roncero Gonzalez stellte folgende Vermutung an: "Die Sehnsucht scheint etwas dem Menschen am nächsten Gelegenes zu sein." Und er versuchte eine Differenzierung hinzubekommen: "Die Hoffnung eröffnet die Möglichkeit, dass etwas eintritt, bei der Sehnsucht ist eher der Weg das Ziel." Eine Frage, die er aufwarf: "Kann eine starke Sehnsucht, die unerfüllt bleibt, nicht zerstörerisch wirken?" Die Gruppe kam zu dem Ergebnis, dass dies sehr wohl möglich sei - zu befürchten seien "Überspanntheit und Depressionen". Und: "Wer die Erfüllung der Sehnsüchte erzwingen will, wird eher scheitern als jemand, der akzeptiert, dass wahrscheinlich nur eine Annäherung an seine Sehnsuchtsziele möglich ist." 

Welche Sehnsüchte hat der Mensch überhaupt? Es wurden die nach Harmonie, Geborgenheit, Achtung und Autonomie genannt. Hinzu kämen Hoffnungen auf so elementare Bedürfnisse wie Frieden und darauf, dass die Möglichkeiten und Fähigkeiten, die der Mensch hat, nicht missbraucht werden (Stichwort "Genforschung"). Emilio Roncero Gonzalez zitierte Albert Camus, der sich Gedanken darüber gemacht hatte, dass dem Kosmos das Harmoniestreben der Menschen scheinbar gleichgültig sei. Bleibt in dieser Situation nur der Freitod? Nein, Camus war zu dem Schluss gekommen, dass diese Unerfülltheit vom Menschen ertragen werden müsse, sie gehöre zum Leben dazu. 

Gonzalez gab zu verstehen, dass auch Sisyphus erkannt habe, dass seine Situation das Menschsein ausmache. Heute leben, heute schauen, was das Leben einem bringt, das wurde als Handlungsempfehlung erarbeitet. Hoffnungen und Sehnsüchte bleiben konstante Begleiter - sie sind Bedingungen des Menschseins. Der Einzelne muss wissen, dass sich seine Hoffnungen und Sehnsüchte niemals zu hundert Prozent erfüllen werden - er darf sich dadurch nicht entmutigen oder verwirren lassen. - Übrigens: Das nächste "Café Philosophique" steht dann wieder am Sonntag, dem 7. Oktober um 16 Uhr auf dem Programm - wie immer im Historia an der Broicherdorfstraße.
barni 



NGZ 10.10.2001
 

Café Philosophique im Museumsrestaurant Historia
 

Moderner Mensch will selbstbestimmt sein

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"Bindungslosigkeit als Voraussetzung für persönliche Weiterentwicklung?" - diesem Thema näherten sich am Sonntag Nachmittag rund zwei Dutzend Interessierte im "Café Philosophique". Im Museumsrestaurant Historia entwickelte sich unter der Leitung des Philosophen Emilio Roncero Gonzalez wie gewohnt schnell eine lebhafte Diskussion, bei der unter anderem der Wert einer Bindung und Begriffe wie "Liebe" unter die Lupe genommen wurden.

So manche Zweierbeziehung geht in die Brüche, weil sich ein Partner eingeengt fühlt.
Eine Teilnehmerin, die diese Denkweise von ihren Kindern her kennt, fragte sich selbst: "Ich bin seit 30 Jahren verheiratet - bin sich so unterentwickelt?" Das Thema sei zeitgemäß, gab ein Teilnehmer zu verstehen: "Das eigene Ego wird zum Maß aller Dinge." Und: "War es nicht früher Ausdruck von Selbstverwirklichung, wenn man Kinder bekam und sie großzog?" Ufert der Selbstverwirklichungsgedanke heute aus? Emilio Roncero Gonzalez gab zu bedenken, ob es nicht vorrangig darauf ankomme, einen Partner zu finden, der zu den eigenen, bestehenden Lebensvorstellungen passt.

Als traditionelle Werte einer Zweierbeziehung wurden unter anderem Ruhe, Geborgenheit und Anerkennung genannt - möglich, dass heute berufliche Anerkennung und finanzielle Absicherung an ihre Stelle getreten sind. Ist jeder, der nicht die Chance hat, sich im Beruf zu verwirklichen, zweitrangig? "Quatsch", meinte ein Teilnehmer: "Im Beruf bin ich jederzeit austauschbar, für meine Kinder und meine Frau dagegen weitaus weniger, wenn überhaupt." Eine weitere Frage: Warum sollen wir uns denn überhaupt weiterentwickeln? "Da könnte die Illusion dahinter stecken, ewig jung zu bleiben", wurde gemutmaßt. Das hänge damit zusammen, dass viele den Wert des Alters nicht begriffen hätten. Für den Körper werde alles getan, für den Geist so gut wie nichts.

Emilio Roncero Gonzalez gab zu bedenken: "Wer hat die Kompetenz und die Autorität, jungen Leuten zu sagen, was gut für sie ist? Möglich, dass sie deshalb alles offen lassen, meinen, sie müssten flexibel bleiben." Und: "Ist es nicht ein Problem, dass man heute über so viele zu entscheiden hat?" Fest stehe indes: "Man entwickelt sich immer weiter - ob positiv oder negativ, ob gewollt oder ungewollt, ob in einer Beziehung oder alleine", Gonzalez vertrat die Auffassung, die Partnerschaft müsse wieder Selbstzweck sein und kein Mittel, um alles andere zu verwirklichen - Partnerschaft müsse eine Priorität genießen, der Eigenwert des Partners sei wichtig: "Der andere ist nicht nur dazu da, meinen Vorstellungen zu entsprechen, sondern muss auch als Reibungspunkt gesehen werden."

Etwas formelhaft fügte er hinzu: "Bei der Bindung geht es mir um den anderen. Bei der Bindungslosigkeit geht es um mich." Vielleicht - so wurde festgehalten - ist es ein Charakteristikum des modernen Menschen, dass er selbstbestimmt sein will. Die Kehrseite der Medaille: Er wird austauschbar. "Die jungen Leute wollen die Liebe genießen, aber nicht ihre Nachteile in Kauf nehmen", stellte ein ältere Dame fest. Hat die Liebe überhaupt Nachteile? Das Gefühl kann durch die Ratio nicht ersetzt werden, die Liebe ist keine vorhersehbare und berechenbare Größe.
barni
 


NGZ 14.11.2001
 

Gäste diskutierten angeregt im "Café Philosophique"

Der Zufriedenheit auf die Spur gekommen

Rund zwei Dutzend Freizeit-Philosophen versuchten jetzt im Rahmen des "Café Philosophique" der Zufriedenheit auf die Spur zu kommen. Bedeutet sie nicht Stillstand, geht nicht gerade von der Unzufriedenheit eine treibende Kraft aus? Kann es absolute Zufriedenheit überhaupt geben? Unter der Leitung von Emilio Roncero Gonzalez wurde engagiert diskutiert.

Das Museumsrestaurant Historia an der Broicherdorfstraße wird einmal im Monat in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Kaarst-Korschenbroich zum "Café Philosophique". Diesmal ging es um die Zufriedenheit: Sie wurde unter anderem als Gemütszustand definiert, als Voraussetzung, um sich mit seiner Vergänglichkeit auseinanderzusetzen, sie zu akzeptieren. Kann der Glaube an ein Jenseits nicht dazu beitragen, zu Lebzeiten zufrieden zu sein?
Oder: Trägt die Tendenz, alles ins Diesseits zu packen, nicht zur Unzufriedenheit bei? Emilio Roncero Gonzalez gab zu verstehen: "Wer an ein Leben nach dem Sterben glaubt, ist klar im Vorteil." Bedarf es des Nachdenkens, um Zufriedenheit zu erlangen? "Es gibt sicher auch Menschen, die zufrieden sind, ohne darüber zu reflektieren", so ein Besucher. Und: "Da steckt auch ein Stück positives Denken drin." Gonzales: "Zufriedenheit setzt voraus, dass wir uns selber eine Grenze setzen, mit der wir sehr gut leben können." Ist Zufriedenheit überhaupt etwas uneingeschränkt Positives? "Menschen, die permanent zufrieden sind, halte ich für nicht entwicklungsfähig", lautete eine Meinung.

Bringt uns die Unzufriedenheit beispielsweise in Entwicklung und Forschung nicht weiter, steckt hinter der Zufriedenheit nicht auch ein Quentchen Resignation? Ist die Unzufriedenheit ein Charakteristikum der Jugend? Eine Diskussionsteilnehmerin mutmaßte: "Wendet der Zufriedene nicht eventuell einen Frust ins Positive, so nach dem Motto 'Das muss ich nicht erreichen, dann hab' ich auch keinen Streß damit'?" Fragen über Fragen: "Woher kommt die Unzufriedenheit - kann es sein, dass die Menschen ihre persönliche Messlatte immer höher legen?"

Was festgestellt wurde: "Der zufriedene Mensch weiß auch immer um die Bedrohtheit seiner Zufriedenheit." Ist Zufriedenheit unter allen Umständen möglich? "Es gibt schon Bedingungen, die unakzeptabel sind", so Emilio Roncero Gonzalez. Und er fügte hinzu: "Man kann in speziellen Situationen durchaus Kompetenzen erwerben, die zur Zufriedenheit führen." Als Beispiel nannte er einen Rollstuhlfahrer. Was den Zufriedenen vom Satten unterscheidet: Er empfindet so etwas wie Dankbarkeit. Wieso ist es eigentlich so schwer, auf einem gewissen Status stehen zu bleiben und keine Weiterentwicklung anzustreben?

Nicht nur Neid und Neugier, auch der Vollkommenheitsanspruch steht der Zufriedenheit im Wege. Emilio Roncero Gonzalez gab zu bedenken, dass Menschen zwar nach Vollkommenheit streben, andererseits aber auch Angst davor haben. Und: "Das Unzufriedene gehört dazu als Bedingung, um Zufriedenheit zu erreichen." Zufriedenheit erwächst aus Unzufriedenheit. Mit der knapp zweistündigen Diskussion konnten die Beteiligten durchaus zufrieden sein.

Das "Café Philosophique" öffnet am Sonntag, 2. Dezember, um 16 Uhr im Museumsrestaurant Historia, Broicherdorfstraße, erneut seine Pforten. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung nicht nötig. Einzige Teilnahmevoraussetzung: die Bereitschaft, sein eigenes Denken zu überprüfen, sich auf Argumente anderer einzulassen.
barni
 


NGZ 20. Dezember 2001
 

"Der moderne Mensch und das Weihnachtsfest" 

Geschenke - mit oder ohne Gegenleistung
 

Damit fing alles an: Die Heiligen Drei Könige hatten dem Jesuskind einst Geschenke mitgebracht. Heute scheint der Kommerz die spirituelle Dimension des Weihnachtsfestes längst in den Hintergrund gedrängt zu haben. Da drängte sich das folgende Thema beim jüngsten "Café Philosophique" im alten Jahr im Museumsrestaurant Historia förmlich auf. 

"Der moderne Mensch und das Weihnachtsfest" setzte sich gegen sieben andere Themenvorschläge durch. Eine These, die direkt zu Beginn der wie immer interessanten und anregenden Diskussion von einem der rund zwei Dutzend Besucher aufgestellt wurde: "Je stärker das Fest den spirituellen Charakter verliert, umso mehr rücken Äußerlichkeiten und Kommerz in den Vordergrund." Eine Frage, die in den Raum gestellt wurde: Tun wir uns heute nicht generell schwer mit besinnlichen Festen? Besinnlichkeit brauche schließlich Ruhe. Daran mangele es in der heutigen, stressigen Zeit, die geistige Auseinandersetzung mit dem Sinn der Sache komme zu kurz. 

Weihnachten - ist das mittlerweile eine Tradition ohne religiösen Inhalt, oder immer noch ein christliches Fest? Diese Frage muss wohl jeder für sich entscheiden. Emilio Roncero Gonzalez, der das Café Philosophique in bewährter Form leitete, stellte fest: "Man feiert es noch, aber nicht mehr im ursprünglichen Sinne." Was wird denn da eigentlich gefeiert? Die Erlösung der Menschheit - um sich ihres Wertes bewusst zu werden, müsse der Mensch die Welt als etwas verstehen, das mangelhaft ist. Er muss die Erlösung als Alternative zum Scheitern als Mensch begreifen. Sünde definierte Gonzalez in dem Zusammenhang als "die Entfernung von Gott". Und er fragte: "Ist es unmoralisch, dass wir schenken und gleichzeitig etwas erwarten?" Tauschhandel oder Selbstlosigkeit? 


 
 
 
 
 

Die Erlösung - hierüber herrschte Einigkeit - ist ein Geschenk, für das Gott keine Gegenleistung erwartet. Gleichwohl - so die Besucher des Café Philosophique - könne man Gott etwas schenken: Zum Beispiel Liebe in Form von guten Taten. Erlösung, Schuld, Liebe - wie steht der moderne Mensch dazu? Wird Schenken mehr als Tauschgeschäft denn als Liebesangebot verstanden? "Der Austausch von Geschenken könnte auch als Ritual verstanden werden, um Gemeinschaftlichkeit herzustellen", so ein Denkansatz. "Ist Besinnlichkeit nicht ein Anachronismus?" lautete eine andere Frage. Da wurde unterschieden zwischen wohltuenden, aufrichtigen Geschenken und solchen, die man aus Verpflichtung gibt oder um andere zu verpflichten. 

"War das Weihnachtsfest früher wirklich so spirituell?" fragte eine Besucherin skeptisch. Geht es vom nicht mehr funktionierenden Weihnachtsspaß zu Hause in den Discospaß? Fest steht, das bestätigten auch etliche Diskussionsteilnehmer: Der moderne Mensch sucht sich seine Nächsten, mit denen er Weihnachten feiert, heute selber aus. "Feiern ohne Onkel Otto", wurde diese betont selbstbestimmte Variante plakativ genannt. Emilio Roncero Gonzalez gab jedoch zu bedenken: "Es muss nicht alles nur Freude machen, auch der Blick auf das Leid ist wichtig." Also doch den Onkel abholen, sich mit ihm auseinandersetzen, auf den Weihnachtspunsch verzichten, um ihn später wieder mit dem Auto nach Hause bringen zu können, statt in der Disco abzutanzen? 

Gonzalez zog Bilanz: "Vielleicht wird Weihnachten heute ja viel aufrichtiger gefeiert als früher." "Alles nur Kommerz" - dieses vorschnelle Urteil wollte er nicht gelten lassen. Mitdenken, überlegen, differenzieren, seine Meinung notfalls auch mal ändern können - dazu soll das Café Philosophique anregen. Der nächste Termin steht schon fest: Sonntag, 13. Januar 2002, wie immer um 16 Uhr. Das Café Philosophique ist übrigens auch ein Geschenk - eines, das die Volkshochschule und das Historia gemeinsam anbieten.
barni 



NGZ 24. Februar 2002

Kriminalität von in Deutschland lebenden Ausländern

Diskussion über "Tabu-Thema"
 
"Anything goes": Diese zwei Wörter sorgten jetzt im Café Philosophique für eine angeregte Diskussion. Leben wir in einer Gesellschaft, in der alles möglich ist, in der ein Tabu nach dem anderen fällt. Droht gar Anarchie, setzt der Stärkere sich zunehmend gegen den Schwächeren durch? Wie immer wurde im Museumsrestaurant "Historia" unter der Leitung von Emilio Roncero Gonzalez engagiert diskutiert. 

Dem Café Philosophique gehen längst noch nicht die Themen aus, jetzt wurde es wieder richtig interessant. "Das hätte es früher nicht gegeben." "Das darf doch wohl nicht sein." Solche und ähnliche Äußerungen deuten auf Veränderungen hin - Werte, die bislang als unverrückbar galten, geraten ins Wanken. Wohin soll das führen? Wo sind die Grenzen? "Anything goes" - alles geht - scheint längst zu einem allgemeinen Gesellschaftsprinzip geworden zu sein. Manche Tabus waren schon unterdrückend, das wurde in der Diskussion deutlich. Insofern hat die 68er-Generation ihre Verdienste. Aber wurde nicht "das Kind mit dem Bade ausgeschüttet"? 
Wenn alles enthüllt worden ist, wird's langweilig", merkte eine Diskussionsteilnehmerin an. Einem anderen Gast war aufgefallen: "Es entstehen auch neue Tabus." Sein Beispiel: die Kriminalität von in Deutschland lebenden Ausländern. Welchen "sittlichen Nährwert" haben eigentlich Tabus? Es wurde erwähnt, dass sie den Einzelnen entlasten, die Gesellschaft stabilisieren können. Aber vertragen sich Tabus mit dem Wunsch, autonom zu sein? Emilio Roncero Gonzalez nannte die Demokratie als eines der anerkannten Tabus in unserer Gesellschaft. Und er gab zu bedenken, dass auch der Terrorismus durch das "Anything goes" abgedeckt sei. Spätestens jetzt wurde klar, dass das "Alles-ist-möglich" als höchst problematisch anzusehen ist. 

In seiner Totalität könne "Anything goes", das das Misstrauen allen Autoritäten gegenüber beinhaltet, zu so etwas wie dem Recht des Stärkeren führen. Es stelle auch Gesetze in Frage und könne letzlich für ein Chaos sorgen - ein Chaos, aus dem möglicherweise eine neue Ordnung entsteht. "Alles steht prinzipiell zur Disposition. Der Mensch kann Schöpfer sein, schaffen, was er für richtig hält", stellte Emilio Roncero Gonzalez ein wenig provozierend in den Raum. Es gibt natürliche Grenzen, wurde in der Diskussionsgruppe erkannt, und Grenzen, die die Gemeinschaft setzt. Und nicht zuletzt das Gewissen sorgt dafür, dass nicht alles in die Tat umgesetzt wird, was möglich wäre. 

In diesem Zusammenhang wurde auch der religiöse Aspekt beleuchtet: Da ist die Ehrfurcht des Menschen vor dem Mysterium des Seins. Die Erkenntnis, die - losgelöst von einem Gottglauben - dahinter steht: "Ich bin nicht die letzte Instanz, da ist noch eine andere Macht." Die Rückbesinnung auf etwas, das über uns hinaus reicht, steht dem "Anything goes" mit all' seinen Gefahren und Risiken entgegen. Es geht also längst nicht alles. Und Tabus können auch weiterhin, so altmodisch das klingen mag, Sinn machen. Zu den unantastbaren Werten gehören immerhin auch Demokratie und Menschenwürde.
barni 


NGZ 08. März 2002

Angeregte Diskussion im "Café Philosophique"

Freier Wille durch Werbung auf Probe gestellt

"Hat der Mensch einen freien Willen?" Diese Frage wurde jetzt im "Café Philosophique" im Museumsrestaurant Historia unter der Leitung des Philosophen Emilio Roncero Gonzalez diskutiert. Eines steht fest: Im Strafrecht wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass der Mensch einen freien Willen hat.

Unter philosophischem Aspekt stellt sich die Thematik - das wurde bald deutlich - sehr viel differenzierter dar. Sehr schnell wurden wesentliche Fragen aufgeworfen: Hat man einen freien Willen, aber verlernt, ihn zu nutzen. Muss diese Fähigkeit erst wieder aktiviert werden? Vielleicht sehen wir ihn sogar als Belastung an. Übereinstimmung herrschte nämlich darin, dass Konventionen auch Sinn machen, denn: "Die totale Entscheidungsfreiheit kann möglicherweise zur totalen Unfreiheit führen." 

Außerdem gut man gut daran, von seiner Entscheidungsfreiheit beispielsweise dann nicht Gebrauch zu machen, wenn die Ampel auf "Rot" steht, sondern sich der Konvention unterwirft und anhält beziehungsweise stehen bleibt. Setzen sich in der Natur nicht auch Lebenskräfte von alleine durch? Warum also über das Thema nachdenken? Gibt es Faktoren, die das, was wir glauben zu wollen, determinieren? "Der freie Wille wird zum Beispiel durch die Werbung auf eine Probe gestellt", warf ein Diskussionsteilnehmer ein. 

Ein Beispiel für den Druck durch die Gesellschaft: Kaum ein Schüler glaubt noch, ohne Handy auskommen zu können - hier spielt die Angst eine Rolle, nicht mehr dazu zu gehören. Diese Angst kann so groß sein, dass ein Nachdenken über Alternativen nicht stattfindet. Eine weitere Triebfeder: Der Wunsch, geliebt zu werden. Anpassung kann auch gut sein, wurde von der Gruppe herausgearbeitet: Wer beispielsweise in der Beziehung darauf verzichtet, seinen Willen durchzusetzen, kann mit Harmonie belohnt werden. 


Und: Wenn etwas mit Notwendigkeit geschieht, kann es sich nicht um eine freie Entscheidung handeln. Das ist nur der Fall, wenn Alternativen zur Verfügung stehen. Eine Erkenntnis, die nach rund einer Stunde gewonnen worden war: Da sind bestimmte Dinge, die uns determinieren, und trotzdem scheint es in diesem Rahmen gewisse Spielräume zu geben. Mut und Stärke, so wurde festgehalten, sind erforderlich, um Freiheit zu erfahren. Und Freiheit ist immer auch im Horizont von Verantwortung zu sehen. Schließlich wurde unterschieden zwischen dem Willen und dem freien Willen. 

Der Säugling - so das Beispiel in diesem Zusammenhang - habe lediglich einen Willen. Von einem freien Willen könne man erst dann sprechen, wenn der Mensch eine Reflektionsdistanz zu sich selbst hat, wenn er gelernt hat, mit Argumenten umzugehen und weiß, nicht alles ist möglich. Die Willensfreiheit hat demnach eine ganz andere Qualität als der bloße Wille - sie ist verknüpft mit Reife und Selbstreflektion. Wenn der freie Wille besteht, beim nächsten "Café Philosophique", einem Gemeinschaftsangebot des Museumsrestaurants und der Volkhochschule Kaarst-Korschenbroich dabei zu sein: Wegen der Osterferien fällt der April-Termin aus, das nächste "Café Philo" öffnet seine Pforten am 5. Mai um 16 Uhr.
barni 


NGZ 13. Februar 2002
 
 
Soziales Phänomen im Café Philosophique besprochen 

Wie aus dem Vergnügen eine echte Freude wird

Ist das Vergnügen der Feind der Freude? Die rund zwei Dutzend Teilnehmer/innen beim "Café Philosophique" im Museumsrestaurant "Historia" setzten sich jetzt unter der Leitung von Emilio Roncero Gonzalez zwei Stunden lang mit dieser Frage auseinander. 
Schließlich, nach unzähligen Differenzierungen, wurde zweierlei festgestellt: Das Vergnügen unterscheidet sich erstens in vielen Punkten von der Freude, ihr Feind muss es aber trotzdem nicht unbedingt sein.Das Vergnügen war schnell als etwas Zweitklassiges abqualifiziert, die Freude als etwas Sozialverträgliches, ethisch Positives. Der Begriff "Schadenfreude" müsse folglich konsequenter Weise eher "Schadenvergnügen" heißen. 
Die Freude - sie wurde als etwas Erhebendes, aus der Seele Kommendes beschrieben, als eine Art statisches High-Sein, ein tiefes Wohlgefühl. Das Vergnügen dagegen beschrieben die Besucher des Café Philosophique als ein soziales Phänomen, als eine Erhebung, die im Gegensatz zur Freude einen äußeren Anlass brauche. "Freude ist mit Dankbarkeit verbunden", wurde da angemerkt. 
Und: "Was mir Freude bereitet, muss auf einen gewissen Humus fallen." Können sich eigentlich nur Optimisten freuen? "Freude ist nichts für ausgesprochene Miesepeter, wohl aber für aufgeklärte Pessimisten", so Emilio Roncero Gonzalez, der die Diskussion in eine neue Richtung lenkte: "Was haben Freude und Vergnügen gemeinsam?" Seine Antwort: "Beide sind ein soziales Phänomen." Das Vergnügen in seiner Grundstruktur wurde als egoistisch beschrieben. Und: Wenn das Vergnügen tiefer geht, kann Freude daraus werden. 


 
 
 

Freude sei naturgemäß etwas, das in Maßen genossen wird - so gebe es zwar vergnügungssüchtige, aber keine freudesüchtigen Menschen. Außerdem müssten sich Freude und Trauer nicht ausschließen. Ja, wie folgendes Beispiel beweist: "Ein Schwerkranker kann sich über einen Besuch freuen, auch wenn seine gesundheitliche Situation alles andere als vergnüglich ist." 
Vergnügen habe mehr ablenkenden Charakter, wirke kurzfristig, wie eine Droge. Und: Das Vergnügen schreit nach mehr, es ist ein Fass ohne Boden. Ein Zuviel an Freude gebe es dagegen nicht. Kann man andere zur Freude erziehen? "Man kann den Weg zur Freude nur ebnen", so die Meinung einer Besucherin. Zur Freude gehöre auch Sensibilität. Wer von seiner Grundstruktur her wenig begeisterungsfähig ist, den wird man nur in Maßen zur Freude erziehen können. 
Die Freude ist also etwas Positiveres, Wertvolleres als das Vergnügen. Trotzdem solle nicht alles abgelehnt werden, was nach Vergnügen riecht. "Das Vergnügen am richtigen Ort zur richtigen Zeit im richtigen Maße scheint nicht unbedingt der Feind der Freude zu sein", resümmierte Emilio Roncero Gonzalez nach knapp zwei Stunden. 
"Vielleicht ist das Vergnügen ja so etwas wie die Cousine der Freude?", mutmaßte ein Diskussionsteilnehmer. Am Sonntag, 3. März, steht um 16 Uhr ein weiteres "Café Philosophique" auf dem Programm - Themenvorschläge zum Gedankenaustausch sind willkommen.
barni 

 



NGZ 05. Juni 2002

Verschlungene Pfade im Café Philosophique

Vom Zeitgeist und den Schönheits-Kriterien
 
 
Ob es am tollen Wetter lag, dass die Besucher des Café Philosophique unter der Leitung von Emilio Roncero Gonzalez im Museumsrestaurant Historia ein ästhetisches Thema auswählte? Es ging diesmal schlicht und einfach um die Schönheit. Doch so einfach sollte man sich diesem Begriff nicht nähern können - die Diskussion führte mehr als sonst üblich über äußerst verschlungene Pfade. 
Vom eventuellen Denk-Stress können sich die Teilnehmer jetzt ausgiebig erholen: Das nächste Café Philosophique findet am 1. September statt. Kann man das Schöne überhaupt definieren? Eine gemachte Feststellung, die unwidersprochen blieb: "Schönheit hat gerade heute, wo Wellness-Farmen wie Pilze aus dem Boden schießen, wo die plastische Chirurgie zu etwas immer Selbstverständlicherem wird, einen besonders hohen Stellenwert." Emilio Roncero Gonzalez stellte eine weitere Frage in den Raum: "Gab es überhaupt Zeiten, wo Schönheit nicht "in" war?" 

Das Nützliche und das Schöne - das sind keine Gegensätze, wie gutes Design beweist. "Schönheit ist sehr stark dem Zeitgeist unterworfen", gab ein Teilnehmer zu verstehen. Moden von einst lehnt man ab und wenn sie irgendwann wieder aktuell sind, mache man sie dennoch mit. Schönheit wurde als etwas sehr Subjektives bezeichnet. Eine kritische Frage zwischendurch: Muss überhaupt alles schön sein? Noch interessanter: Gibt es allgemein gültige Kriterien für Schönheit? Proportionalität, Harmonie und "Goldener Schnitt" wurden in diesem Zusammenhang diskutiert. Außerdem habe Schönheit auch mit Gesundheit zu tun - das Hässliche stehe dagegen für das Absterbende. 

Es gibt also feste Kriterien, um von Schönheit zu sprechen, aber auch andere, nicht so ohne weiteres bestimmbare. In diesem Zusammenhang fiel Gonzalez der Spruch seines Lateinlehrers ein: "Irgendwann entdeckt ihr noch die Schönheit dieser Sprache", hatte er angekündigt. Schönheit - so wurde argumentiert - könne auch im Auge des Betrachters liegen. Außerdem wandele sich das Schönheitsempfinden, Schönheit sei etwas Relatives. In einem kleinen Exkurs wurde der Frage nachgegangen, ob Kunst schön ist. 

Nein, sie werde von vielen Künstler bewusst ausgeklammert, lautete der Schluss. Ein weiterer interessanter Aspekt: Das Empfinden von Schönheit ist nicht das Ergebnis eines Prozesses des Nachdenkens. Und: Schönheit hat auch etwas Mysteriöses, Rätselhaftes. Eine Teilnehmerin stellte klar: "Schönheit hat auch mit Liebe zu tun. Wenn ich jemanden liebe, finde ich ihn auch schön." - "Alles Leben Spendende wird als schön empfunden", so ein Teilnehmer. Er meinte unter anderem die Sonne, das Meer, aber auch Menschen mit positiver Ausstrahlung. Gibt es auch eine dunkle Seite der Schönheit, das Den-Boden-unter-den-Füßen-Wegziehende? Als Stichwort erinnerte Emilio Roncero Gonzalez die an die "Femme Fatale". 

Wenn ja, würde das Schöne auch eine Gefahr in sich bergen. Gibt es eine Ästhetik des Bösen? Soviel steht fest: Nachrichten müssen schön schrecklich sein, Katastrophen werden ästhetisiert, wie unter anderem die Verfilmung des Titanic-Untergangs beweist. "Wer das Hässliche nicht kennt, weiß das Schöne nicht zu schätzen", wurde da zu bedenken gegeben. Und: "Wenn Ästhetik vom Ethischen abgekoppelt wird, gerät sie in gefährliches Fahrwasser. 

Deshalb solle die Ästhetik ethisch gebunden sein - sonst seien Menschen in Gefahr, die ästhetischen Ansprüchen nicht genügen, Kranke und Behinderte - die jüngere deutsche Geschichte ist abschreckendes Beispiel. Schönheit kann also auch ihre Schattenseiten haben. 
barni 
 
 
 

 



NGZ 26.5.2004

Café Philosophique

Diskussion über Moral und Ethik
 
Die Teilnehmer des "Cafè Philosophique" versuchten sich jetzt im Museumsrestaurant Historia auf der Broicherdorfstraße an einem schweren Thema - es lautete schlicht und einfach: "Der Begriff der Ethik". 
Nach rund zwei Stunden war man diesem Begriff ein schönes Stück näher gekommen, ohne ihn exakt definieren zu können. Im "Cafè Philosophique" unter der Leitung von Emilio Gonzalez Roncero wird hinterfragt, was das Zeug hält. Was unterscheidet Ethik von Moral? 

"Moral ist im Gegensatz zur Ethik unreflektiert", so die Meinung eines Teilnehmers. Ethik wurde als etwas Praxisorientiertes beschrieben - so beinhalte der Begriff "Wirtschaftsethik" wenig Theorie, dafür umso mehr Praxis. Und: Ethisch wertvolles Handeln ist gleichzusetzen mit moralisch wertvollem Handeln. 
Moral wurde als Wertekanon definiert - man könne von anderen erwarten, dass sie sich diesen Werten verpflichtet fühlen. Ethik sei auf diese moralischen Werte reflektiert. Die Moralität wurde beschrieben als das Vermögen, überhaupt moralisch handeln zu können. Gibt es überhaupt "die Ethik"? Gibt es Grundwerte, in denen alle Menschen übereinstimmen? 

"Das Gute tun", gab eine Teilnehmerin zu verstehen, falle hierunter. Emilio Gonzalez Roncero gab Folgendes zu bedenken: "Werte müssen rationalisiert werden, sie müssen operabel gemacht und begründet werden können." Und: "Letzte Instanz für die Beurteilung von Werten ist das Individualgewissen." Woher kommt dieses Gewissen? Ein Baby hat es noch nicht, es erwirbt es erst später als eine Art Kontrollinstanz. 
Gewissen und Vernunft 

Was weiter herausgearbeitet wurde: Ein Gewissen ist nichts Absolutes, es kann sich irren ("nach bestem Wissen und Gewissen"), aber sich nicht selbst kontrollieren - dafür ist die Vernunft zuständig. Eine weitere Erkenntnis: Gemeinsame Werte bedingen nicht dieselbe Umsetzung. So kann die Anerkennung des Eigenwertes des Individuums zu unterschiedlichen Konsequenzen beispielsweise in Bezug auf Abtreibung und Sterbehilfe führen. 
 

Emilio Gonzalez Roncero zitierte Kant: "Die Gedanken müssen in einen öffentlichen Diskurs - da können Werte dann verhandelt werden." Oft wird von Werteverfall gesprochen. Setzen sich dafür andere Werte durch? "Die Globalisierung", so eine Diskussionsteilnehmerin, "kann als neuer Wert betrachtet werden." 
Die Ethik hat - so die vorherrschende Meinung im Café Philosophique - kein allzu festes Fundament. Und: Die Kritik ist in der abendländischen Ethik ein wichtiges Kriterium. Was will diese abendländische Ethik? Worum geht es?

"Es geht darum, andere so zu behandeln, wie man selber gerne behandelt werden möchte", war eine Meinung, die auf allgemeine Zustimmung stieß. Und: Die Individualität ist eine wichtige Instanz, die Stichworte in diesem Zusammenhang heißen Gewissen und Vernunft. Als ein wichtiges Merkmal abendländischer Ethik wurde das Zur-Disposition-Stellen, das Bewerten von Werten herausgearbeitet. 
Menschen, die nach dem üppigen Sonntagsbraten mal ihrem Geist "Auslauf" verschaffen möchten, sollten sich merken: Am Sonntag, den 6. Juni, steht von 16 bis 18 Uhr das nächste "Café Philo" auf dem Programm. 
barni 


Bergische Morgenpost/Rheinische Post, 08. Juni 2004-08-18
 
Selber denken

Emilio González Roncero moderiert das Philosophische Café der VHS Wuppertal, in dem jeder über große und kleine Fragen des lebens diskutieren kann.
 

Von Christian Peiseler
Wuppertal. Emilio González Roncero liest die fünf Themen vor, die er auf einem DIN-A-Vier Blatt mit Kugelschreiber notiert hat: „Was heißt Philosophieren?“, „Welchen Sinn hat das Leiden?“, „Was bedeutet die Einheit des Seins?“ und „Wie egoistisch darf der Mensch sein?“ Die zehn Menschen, die sich an diesem Sonntag Vormittag getroffen haben, stimmen demokratisch ab. 
 Die Mehrheit will in den nächsten zwei Stunden über die Grenzen des Egoismus debattieren. Emilio González Roncero moderiert das Philosophische Café. Die Idee, das philosophische Denken aus seinen akademischen Fesseln zu befreien und zwischen Kaffee und anderen Getränken zu platzieren, stammt von dem Franzosen Marc Sautet, der 1992 das erste Café Philosophique im Pariser Café des Phares eröffnete. Als der Franzose 1998 im Düsseldorfer „Malkasten“ als Moderator auftrat, war auch Emilio González Roncero dabei. „Ich hatte Bauchschmerzen“, erinnerte sich der studierte Philosoph.

Hebammenkunst

 Ist echtes Philosophieren in einer Gruppe mit fremden menschen überhaupt möglich? Oder versammelt sich dort ein Kaffe-Kränzchen für Profilneurotiker? Nach den ersten Treffen fand er Gefallen an dieser Gesprächsform. Kein Text sollte interpretiert werden, kein Referent brillierte mit Kletterpartien in metaphysische Gebirge, kein Vortrag erschöpfte die Zuhörer mit entlegenem Fachwissen.


 
 
 
 
 
 

 „ Das Selbstdenken steht im Mittelpunkt. Jeder hat die Möglichkeit, zu einem Thema von grundsätzlicher Bedeutung seine eigenen Gedanken zur Welt zu bringen“, sagt Emilio González Roncero. Wie Sokrates in seinen Dialogen in geselliger Runde übt er sich in der Mäeutik, der Hebammenkunst. Die Hoffnung auf Konsens oder der Glaube an eine objektive Erkenntnis hat er lange abgeschworen.  Als Gesprächsleiter fasst er Beiträge zusammen, spitzt Fragestellungen zu, wehrt Totschlagsargumente ab und schafft mit seiner verbindlichen Art ein Klima, in dem Redehemmungen überwunden werden.
 Die Frauen und Männer der Gruppe sind zwischen 30 und 70 Jahre alt. Die Lebenswirklichkeit des Einzelnen, seine Erfahrungen und sein Wissen, spiegelt sich in den Beiträgen, Das Bemühen, sich ernsthaft mit den Facetten des Egoismus auseinander zu setzen, ist spürbar an den Kreisbewegungen des Formulierens, um einen Gedanken auf den Punkt zu bringen.

Horizont erweitern

„Ich bin mit einer Veranstaltung zufrieden, wenn sie neue Perspektiven aufzeigt und den Denkhorizont erweitert hat“, sagt der Moderator. Nach zwei Stunden hatten einige das Gefühl, das Gespräch habe gerade erst begonnen.